Etwas blauer Dunst ist meistens um Nils Borch Jensen. Acht Zigarren am Tag. Sonst hat er wenige Laster. Vielleicht noch das Eisbaden im Winter.

"Eigentlich was für alte Männer, die Angst vor dem Tod haben und sich in dem schockkalten Wasser immer wieder ihren Kick holen", sagt er. Aber sein Künstlerfreund Per Kirkeby hat ihn zum Mitmachen überredet. Und es ist gut gegen das Rheuma, das er in den Händen hat, seit er zwölf Jahre alt ist.

Kopenhagen. Prags Boulevard 49 e, nicht weit vom Strand. Hier arbeitet der Drucker Nils Borch Jensen. Himmelblau gestrichen ist das Treppenhaus, durch das er täglich zwei Stockwerke hinaufsteigt zu seiner Werkstatt. Jensen arbeitet in einem altmodischen Beruf. Künstlergrafik hat in Cyberspace-Zeiten nicht gerade an Attraktivität gewonnen. Wer kennt schon noch die Unterschiede zwischen Radierung, Kaltnadel, Vernis mou und Mezzotinto. Das sind Begriffe geworden, die ins Kupferstichkabinett gehören, und dahin verirren sich heute nur noch wenige Kunstfreunde. Schwer lastet zudem auf den Grafiksammelmappen der kunstpädagogische Staub der siebziger Jahre. Kollektionen für den kleinen Mann sollten sie werden, wohlfeil und doch, so das Versprechen, an Wert beständig zunehmend. Heute liegen die alten Blätter in den Schubladen. Und so richtig populär wie heute Fotografie und Video waren sie trotz aller Anstrengungen eigentlich nie. "Die Leute sehen schwarzweiße Bilder", sagt Jensen, "und finden das irgendwie traurig."

Früher, ja, viel früher war es eine Lust, mit der Empfehlung eines Gönners in der Brieftasche zu einem bedeutenden Kunstsammler zu reisen, sich zu ihm in seine Kammer zu setzen und mit gewaschenen Händen Blatt auf Blatt zu legen.

Stunden können vergehen, wenn man sich auf das grauschwarze Relief der radierten Striche konzentriert oder sich für die Leichtigkeit einer Aquatintafläche begeistert. Aber das verlangt für wachsendes Vergnügen zunehmende Kennerschaft und liefert doch nur in seltenen Fällen geeigneten Stoff für Kunst-Smalltalk. "Grafik war schon immer eher was für Intellektuelle." Damit meint Nils Borch Jensen nicht gerade die Sloterdijks unserer Zeit, sondern "Leute, die Grafiken überhaupt sehen können, die sensibel für Ideen sind und nicht bloß Bilder gucken".

Damit ganz klar wird, was er meint, kramt der Däne die Kassette eines amerikanischen Künstlers aus dem Regal. All thumbs ist ein Paradebeispiel dafür, worum es bei Grafik eigentlich geht: Spannung aufbauen zwischen einer gekritzelten Linie und dem räumlichen Bild

ein Prozess, der immer wieder unterbrochen und verändert werden kann. Gedruckt wurden Al Taylors Daumenbilder als Fotogravüre. "Nichts Raffiniertes", sagt Jensen.