Die Schweiz", sagt Pierre Favre, "sollte nie vergessen, dass während der Reformation in Genf und Neuchâtel das Trommeln verboten war. Wer erwischt wurde, musste Strafe zahlen. Trommeln galt als etwas Dämonisches, Bestialisches."

Heute geht es in der Schweiz lockerer zu, und wenn sie auch kein Paradies für Perkussionisten darstellt, so ist an die Stelle der Geldbuße doch so etwas wie Gage getreten. Der Teufel, zu Calvins Zeiten gefürchtet, lebt zurückgezogen in der Kompensationsfunktion der Kunst. "Wir Trommler", sagt Pierre Favre, "zähmen Urkräfte und befreien die Instinkte."

Das klingt ein bisschen sozialpädagogisch, hört sich auf seinem neuen Album European Chamber Ensemble (intakt CD 062, Vertrieb: records, Tel.

0202/37 15 70) aber höllisch gut an. Die Musik verströmt tiefe, stille Glut, vom Lichterlohen wie vom Verlöschen gleich weit entfernt - das reife Werk eines 63-Jährigen.

"Manchmal", sagt Pierre Favre, "entwickelt sich rhythmische Aktivität am besten in sehr langsamen Melodien. Ein Musiker wie John Coltrane hat gezeigt, wie man Spannung aufbauen und ein Feuer entfachen kann, das weiterbrennt, egal wie langsam das Tempo wird. Ich suche nach Lebendigkeit in Melodie, Klang und Rhythmus. Selbst wenn ich Geräuschteppiche auslege oder frei improvisiere, bewegt sich immer etwas im Rhythmus."

Das achtköpfige European Chamber Ensemble fügt 13 von Favre komponierte Teilstücke zu einem großen Ganzen von 56 Minuten. Es sind Tänze einer virtuellen Ethnie, teils heiter, teils melancholisch, vorgetragen auf Tuba oder Serpent sowie von Saxofon, Schlagzeug, Violine, Viola, Kontrabass und elektrischer Gitarre. Die Rhythmen scheinen afrikanisch, balkanisch, melodisch

die Melodien opak, somnambul, repetitiv. Die Trommeln singen, die Geigen springen, es geht so richtig rund beziehungsweise unrund, denn viele Metren sind krumm.