Amerika schafft es nicht, den Willen des Volkes zu ermitteln. Aber wie steht es um den Volkswillen in Europa? Der Europäische Rat von Nizza zeigt: Eine EU ohne Mitsprache der Bürger wäre ohne Zukunft.

Es hat etwas Anachronistisches, wenn 375 Millionen EU-Europäer zusehen müssen, wie 15 Präsidenten und Premiers Entscheidungen größter Tragweite treffen - am Bürger vorbei. Heikel wird die Ratifizierung des Vertrags von Nizza durch die Parlamente, zumal in Dänemark und Irland, wo das Volk das letzte Wort haben kann.

Ohnehin spricht vieles dafür, dass das bloß leidliche Ergebnis weit besser ausgefallen wäre, hätte neben all den Ministern und Diplomaten ein kluger europäischer "Konvent" das Treffen vorbereitet. Ein Konvent wie derjenige, dem seit 1999 Altbundespräsident Roman Herzog vorsaß

dieser repräsentative Kreis von 62 Fachleuten hörte Dutzende gesellschaftliche Gruppen an, prüfte Hunderte Eingaben und informierte laufend im Internet, als er Europas Charta der Grundrechte erarbeitete, die jetzt in Nizza proklamiert wurde. Das war ein Ansatz, die EU "von unten" statt immerzu von oben herab zu gestalten, und ein zaghafter Versuch, der europäischen Bürgergesellschaft endlich eine Chance zu geben.

Zum Konvent kamen 16 Beauftragte der Staaten und der Kommission, aber auch 16 Europaparlamentarier und 30 nationale Abgeordnete. Sie verhandelten hart, aber viel freier, als Regierende es tun können. Wenn nun - wie in Nizza beschlossen - die Union bis 2004 klären will, wer wofür zuständig ist in der EU, dann darf man diese Aufgabe nicht allein den Regierungen und ihren Kuhhändlern überlassen: Ein neuer Konvent muss den Rahmen und Maßstäbe setzen, für eine verbindliche Diskussionsgrundlage sorgen. Vorbei ist die Zeit der herkömmlichen Regierungskonferenzen à la Nizza. Das Durchwursteln wird zwar stets zu Europa gehören. Es darf aber nicht länger zum Prinzip erhoben werden, erst recht nicht vor der Erweiterung auf 20 Mitglieder und mehr.

Konvent, der lateinische Name für Zusammenkunft, erinnert an die Philadelphia Convention, die 1786/87 die (trotz heutiger Wirrsal) großartige Verfassung der USA schrieb

oder an Frankreichs blutige Convention nationale, die 1792 die Republik ausrief