Brüssel

Es war ein saftiger Krach, und er ist noch nicht zu Ende. Zuerst beschwerte sich Amerikas Verteidigungsminister William Cohen beim Kollegentreffen im Brüsseler Nato-Hauptquartier, wenn Europa ein militärisches Konkurrenzunternehmen zum Bündnis aufbaue, werde die Allianz zu einem "Relikt" verkümmern. Frankreichs Präsident Jacques Chirac böllerte wenig später aus Nizza zurück: Natürlich müsse die Truppe "unabhängig von der Nato aufgebaut werden". Woraufhin Großbritanniens Tony Blair protestierte: Nicht mit uns!

Die nächste Provokation steht bereits im Kalender. Wenn die Außenminister der Nato Ende dieser Woche in der belgischen Hauptstadt zu ihrem jährlichen Herbsttreffen zusammenkommen, weilt Frankreichs Chefdiplomat Hubert Védrine voraussichtlich - im Nahen Osten. Zufall? Der Brüsseler Termin ist immerhin seit sechs Monaten bekannt.

Auch eine erste gemeinsame Sitzung der Minister von Allianz und Union, als symbolische Geste der Einigkeit von den Amerikanern, Briten und Deutschen ersehnt, könnte an Paris scheitern. "Sie haben uns kalt lächelnd ein Abendessen vorgeschlagen", entrüstet sich ein Nato-Diplomat - "am Freitagabend, wenn sämtliche Politiker längst auf dem Rückflug sind."

Es ist ja nicht so, dass es keine Gemeinsamkeiten gäbe: Die Nato und zumal Amerika verlangen seit Jahrzehnten, die Europäer sollten mehr Verantwortung für die Sicherheit auf dem eigenen Kontinent übernehmen. Nun machen sie's endlich, und zwar zielstrebig und schnell. Die geplante EU-Eingreiftruppe soll gerade keine stehende Armee sein, sondern nur losziehen, wenn die Nato als solche sich nicht engagieren will. Die kollektive Verteidigung bleibt Sache des Bündnisses, Europa beschränkt sich auf das Krisenmanagement. Dafür baut es nicht etwa eigene Planungszentren und Hauptquartiere auf, sondern leiht sie sich mitsamt Gerät bei Bedarf von der Nato aus. So weit, so bekannt, so anerkannt.

Die Gereiztheit hat dennoch Gründe. Damit die EU Anleihen bei der Nato machen kann, sind komplizierte völkerrechtliche Verhandlungen zwischen den beiden Organisationen notwendig

Ähnliches gilt für die Beteiligung von EU-Beitrittskandidaten, die zugleich Nato-Mitglieder sind, wie die Türkei oder Polen. Doch die Beratungen seien, so berichten Beteiligte, von den Franzosen systematisch verzögert worden, was wiederum den Türken und anderen Nicht-EU-Europäern bei der Allianz Vorwände lieferte, um ihrerseits auf die Bremse zu treten. "Wir hätten", seufzt ein Verhandler, "schon vor einem halben Jahr so weit sein können."