Leipzig-Hauptbahnhof. Breit und wuchtig die Fassade, die hohen Gewölbe lichtdurchflutet, riesige Hallen über ausladenden Treppen, die Menschen klein und emsig unter den gewaltigen Bögen aus Eisen und Glas. Irgendwo dazwischen in bunter Neonschrift die zum Ort passende Devise: Alles fürs Reisen, Leben und Genießen. Tag für Tag strömen bis zu 150 000 Menschen durch Ost- und Westhalle zum Querbahnsteig, aber nur jeder Vierte von ihnen fährt mit der Bahn. Ein gewaltiges Einkaufs- und Erlebniszentrum mit Gleisanschluss, unbestrittene Attraktion der Messestadt.

Im November 1997 wurde der mit einer halben Milliarde Mark umgebaute, fast hundertjährige Leipziger Hauptbahnhof wiedereröffnet. Die Bahn schwelgte in Visionen. Sie präsentierte das Bahnhofspaket, 26 deutsche Bahnhöfe zwischen Aachen und Berlin-Zoo, die umgebaut, saniert, modernisiert werden sollten.

Und durch ein kundenorientiertes Vermarktungskonzept ergänzt. Will sagen: durch Kommerz, Gastronomie, Fitness-Studio, Arztpraxen, kommunale Einrichtungen, natürlich auch durch Events.

1000 Bahnhöfe zu verkaufen - wer will sie?

Doch kaum ist die Renaissance der deutschen Bahnhöfe eingeläutet, scheint sie schon wieder zu Ende zu gehen. Die Bahn hat kein Geld, heißt es, um ihre Ambitionen zu finanzieren, und von der Bundesregierung bekommt sie es nicht.

Die Großprojekte München, Stuttgart und Frankfurt am Main - hochgradig gefährdet. Der Lehrter Bahnhof als Knotenpunkt des Schienenverkehrs in Berlin - drastisch abgespeckt. Die vielen kleinen Haltestationen auf dem Land - vergessen. Eine Milliarde Mark investiert die Bahn Jahr für Jahr in ihre über 6000 Personenbahnhöfe. Ein paar Milliarden mehr wären nötig, um sie alle zu verschönern oder zumindest in Schuss zu halten. Und um die derzeit 50 Baustellen fristgerecht abzuschließen. Aber die Bahn muss sparen, sie bietet 1000 ihrer Bahnhöfe zum Kauf an.

Sie hat aber auch einiges vorzuzeigen. Zum Beispiel Leipzig. Der Umbau des Kolosses aus der Gründerzeit war heiß umstritten. Im Oktober 1995 jammerte die Welt: Einem Kulturdenkmal erhabenster Art droht Verstümmelung. Heute hört man nur Lobeshymnen. Architekturkritiker zollen Anerkennung für den sorgsamen Umgang mit der denkmalgeschützten Bausubstanz, obwohl in die gewaltige Halle am Ende der Bahnsteige zwei Geschosse neu eingezogen wurden.