Es geht nicht darum, "die Zeit des Lernens" zu verkürzen. Diese ist heutzutage mit der Schulzeit ohnehin noch nicht abgeschlossen, sondern setzt sich in Ausbildung und Berufstätigkeit unvermindert fort, ja sie dauert an, solange der Kopf noch mittut. Es geht auch nicht darum, dass unsere Kinder in Deutschland dümmer wären als die in allen anderen Ländern. Es geht vielmehr darum, die jungen Menschen früher selbstständiger, selbstsicherer und von ihrem Elternhaus unabhängiger zu machen. Es geht auch darum, dass die Gymnasialzeit für die Schüler und Schülerinnen subjektiv meist zu lang und zu eintönig ist und deshalb demotivierend wirkt. Auch fördert unser Schulsystem die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins nur bei einigen Spitzenschülern. Ich bin betroffen, wie oft mir gut begabte Gymnasiasten begegnen, denen man ihr ganzes Selbstbewusstsein irgendwann gestohlen hat.

Eine frühere Einschulung (sie findet bei uns übrigens regulär zwischen 6 1/4 und 7 1/2 statt) ist keine Lösung, weil Leistungsdruck und Rivalität schon mit der ersten Grundschulklasse beginnen, oft schon im Kindergarten. Das liegt nicht an den Schulen, das liegt im Zug unserer Zeit. Damit sollte man die Kinder aber nicht so früh konfrontieren. Das geht auf Kosten der Fantasiefähigkeit und des Lernens von Gemeinschaft und Solidarität.

Das "solide Bildungswissen", das Ziel, nach dem die Gymnasien nach Wilhelm von Humboldt angetreten sind, ist ohnehin vom Gymnasium allein nicht mehr zu vermitteln. Nach Erkenntnissen der Informationswissenschaft verdoppelt sich die Informationsmenge der Menschheit etwa alle fünf Jahre, wobei sich dieser Zeitraum ständig verkürzt. Da kann es nur darum gehen, zu vermitteln, wie man am sinnvollsten lernt.

Die Universitäten beklagen schon seit Jahrhunderten den mangelhaften Wissensstand ihrer Studienanfänger. Dieser Einwand zählt darum nicht.

Glücklicherweise lässt die Hast beim Studium nach, weil nicht so viel gelernt werden muss, was gar nicht interessiert und als unnötig empfunden wird. An einer frühzeitigeren Spezialisierung führt auf die Dauer kein Weg vorbei.

Lassen wir die Kinder lieber später anfangen und die Jugendlichen früher aufhören.

Prof. Reinhart Lempp, Stuttgart Kinder- und Jugendpsychiater