Richtiger Reflex, falsche Zielrichtung - das ist das Problem von Wolfgang Frühwalds Im Irrgarten der Empirie (ZEIT Nr. 50/00). Zu Recht beklagt er die Agonie der Geisteswissenschaften an deutschen Universitäten, wähnt aber, dass sie von der "Ökonomisierung unseres Denkens", von "Spaßkultur" und "Klamauk-Kommunikation" zerfressen werden. Frühwald: "Wer die Universitäten zu Kundenzentren" ausbauen will, werde nur die im "allgemeinen Nützlichkeitswahn noch verbliebenen Denknischen auskehren", aber "keinen originellen Beitrag zur überfälligen Universitätsreform leisten".

Der Germanist und ehemalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft leistet dergestalt zwar probate Kapitalismuskritik, trifft aber daneben. Am Anfang jeglicher Diagnose müssen - horribile dictu - just jene Zahlen stehen, die anständige Geisteswissenschaftler gern in das Reich der hard sciences verweisen möchten. "Datengebirge" nennt das Frühwald mit kaum kaschierter Geringschätzung.

Vorweg geht es um Zahlen, die mit dem Streit zwischen den "zwei Kulturen" - den Natur- und Geisteswissenschaften - wenig zu tun haben. Es geht um die Lehre, konkret die Abbrecherquoten, die sich in den Geisteswissenschaften zu einem Datengebirge von albtraumhaften Dimensionen summieren. In der Anglistik: 75 Prozent. In Geschichte und Germanistik: 80 Prozent. In der Philosophie: 90 Prozent. Nehmen wir Politik- und Sozialwissenschaften dazu, sind es noch einmal 75 und 80 Prozent.

Was wollen - oder: sollten - uns diese Zahlen sagen? Dass "Ökonomie und Kommerz" die Schuldigen seien? Auch Geisteswissenschaftler müssen logisch und nicht nur in Begriffen von "Mythen und Märchen" denken, die Frühwald den Naturwissenschaften als einen Kontrapunkt gegenüberstellt. Die nüchterne Analyse würde ganz andere Fragen aufwerfen.

Zum Beispiel, ob nicht in der Universität zu wenig "Ökonomisierung" herrscht.

Wer halbwegs ökonomisch (das Wörtchen kommt von "Haushalten") denkt, muss sich bei diesen Abbrecherquoten die Haare ausreißen ob solcher Ressourcenverschwendung. Er wird weiter darüber nachsinnen, ob nicht das Verhältnis zwischen "Kunden" und "Anbietern" in eine schreckliche Schieflage geraten ist. Wie interessiert sind denn die Studenten an der "Ware" Geisteswissenschaften tatsächlich? Wie fähig sind wohl die Professoren, ihren "Kunden" zu vermitteln, warum sie lernen sollten, was unser kollektives Gedächtnis, den Kern unserer Kultur ausmacht: Literatur, Philosophie, Geschichte, Philologie, das ganze Spektrum dessen, was uns vom hochtrainierten Experten unterscheidet, der sich im ahistorischen, akulturellen Cyberspace bewegt?

So wird man alsbald beim verpönten "Markt" anlangen, also bei dem System namens Universität, das derlei "Fehlproduktion" zulässt oder gar begünstigt.