Jedem Volk die Hymne, die es verdient. So und ähnlich mokiert sich Russlands liberale Presse über die jüngste Entscheidung des Staatspräsidenten Putin, die Sowjethymne wieder einzuführen. Mitten im Zweiten Weltkrieg hatte Stalin die Internationale abgeschafft und sich für eine Melodie des Generalmajors Alexandrow, des Gründers des Chors der Roten Armee, entschieden, dazu für einen Text von Sergej Michalkow, bekannt als Autor von Kinderliteratur. In der Praxis war Stalins Sowjetpatriotismus längst an die Stelle des proletarischen Internationalismus getreten. Ab Januar 1944 appellierte dann auch die "stalinsche" Hymne an die "unzerstörbare Union freier Republiken".

Die Zeile "Stalin erzog uns zur Treue zum Volk" hatte schon Chruschtschow streichen lassen, doch erst 1977 wurde Sergej Michalkow beauftragt, den Text zu revidieren. Statt Stalin wurden jetzt "die Partei Lenins und die Macht des Volks, die uns zum Triumph des Kommunismus führen", besungen. Jelzin hatte noch vor Auflösung der Sowjetunion für die Russische Föderation die Sowjethymne per Ukas abgeschafft und eine Melodie aus Michail Glinkas im 19.

Jahrhundert komponierter Oper Ein Leben für den Zaren an ihre Stelle gesetzt.

Über einen entsprechenden Text wurde man sich jedoch zu Jelzins Regierungszeit nicht einig. Auch wurde aus dem Ukas kein Gesetz. Die kommunistische Mehrheit in der Staatsduma war weder für die neue Hymne (ohne Worte) zu gewinnen, noch für die neue Flagge und das neue Staatsemblem: Die weißblau-rote Trikolore, von Peter dem Großen aus Holland mitgebracht, hatte im Bürgerkrieg den Weißen und im Zweiten Weltkrieg der Wlassow-Armee gedient

der doppelköpfige Adler, ursprünglich aus Byzanz, repräsentierte die Autokratie der Zaren.

Zehn Jahre hat das postkommunistische Russland mit Staatssymbolen gelebt, über die es im Parlament zu keiner Abstimmung kam. Putin hat dieser Situation letzte Woche ein Ende bereitet und einen Kompromiss gefunden. Mit dem Zurück zur Sowjethymne, woran der kommunistischen Parlamentsfraktion am meisten gelegen war, akzeptierte diese den Rest des "Pakets": die zaristische Flagge und den Zarenadler, wobei Putin dem Militär die rote Fahne zugestand. Mit Ausnahme der liberalen Jabloko-Fraktion sowie Vertretern ehemaliger Dissidenten und Menschenrechtler stimmten mehrheitlich auch alle anderen Parteien für die Musik der alten Sowjethymne. So wird diese am Abend des 31.

Dezembers nach Putins Neujahrsglückwünschen an das russländische Volk durch den Äther klingen. Was macht es da schon aus, dass die alte Hymne immer noch keine neuen Worte hat.