Die Suche nach einer neuen postsowjetischen Identität, mit der sich das Jelzin-Russland so schwer tat, wird von Putin mühelos entlastet. "Weder mit meinem Herzen noch mit meinem Kopf kann ich akzeptieren, dass unsere Mütter und Väter umsonst gelebt haben." Die Botschaft ist so simpel, dass sich jeder mit ihr identifizieren kann. Kontinuitäten mit dem kommunistischen Russland werden unter der Präsidentschaft Putins nicht mehr als Last empfunden. Der sowjetische Sozialismus findet sich als patriotisches Element in der Linie historischer Kontinuität und Erinnerung. Ist das vielleicht der Anfang vom Ende der postsowjetischen Periode?

Mit einem Ukas hat Putin unlängst auch Ordnung in das Bolschoitheater gebracht. Nach fast uneingeschränkter Autonomie unter Jelzin wurde das Bolschoi wieder dem Kulturministerium unterstellt. Für die 225. Saison nahm die neu ernannte Direktion Tschaikowskijs Eugen Onegin in einer Inszenierung aus dem Jahre 1944, der Hochzeit des Stalinismus, wieder auf. Da sie bis weit in die siebziger Jahre zum Standardrepertoire des Bolschoi gehörte, blieben die authentischen Kulissen, Dekorationen und Kostüme erhalten. Bei der Premiere war man umgeben von "neuen Russen", die sich die exorbitanten Preise leisten können. Ihr begeisterter Applaus galt weniger den Sängern und dem Orchester als dem Realismus der Szenenbilder, die bis ins Detail das Landhaus der Larins, den umgebenden Garten mit den prallen, in Puschkins Originaltext eigens erwähnten Beeren an den Sträuchern, vor allem aber mit den russischen Birken, wiedergaben. Während der ganzen Aufführung waren ihre Handys in Aktion, und völlig ungeniert beantworteten sie aus den Theatersesseln die Anrufe. Dass diese erbarmungslos in die lyrische Musik von Tschaikowskij hinein klingelten, störte keinen. Das Handy ist ein Statussymbol der "neuen Russen", und Kunst in ihrer patriotischen Variante gerade noch verdaulich.