Es gilt ein vergessenes Jubiläum anzuzeigen: Vor fünfundzwanzig Jahren erschien Herbert Gruhls Streitschrift Ein Planet wird geplündert. Das Buch des CDU-Bundestagsabgeordneten, eine Auseinandersetzung mit den Grenzen des Wachstums, die der Club of Rome kurz zuvor ausgerufen hatte, lässt sich heute als eines der wichtigsten Gründungsdokumente der grünen Partei lesen.

Intellektuell glasklar, sprachgewaltig und mit reichlich Sendungsbewusstsein ausgestattet, seziert der Wertkonservative Kapitalismus und Kommunismus und kommt zu einem vernichtenden Urteil: In Wahrheit handele es sich bei den ideologischen Antagonisten um ein Geschwisterpaar, um Unterformen des Materialismus. Beide setzten auf ewig währendes Wachstum und zerstörten damit die Basis von Natur und Gesellschaft.

Freilich blieb Gruhls Konzept gegen die planetarische Krise eher vage. Seine Empfehlung: Von den Grenzen her denken, Verzicht aus Einsicht üben und so den "Irrationalismus unserer Zivilisation" überwinden. Dass dies gelingen könnte, glaubte er allerdings nicht wirklich. In der Einführung seines Buches lässt Gruhl den französischen Dichter Eugène Ionesco Worte sagen, die wohl auch seiner Grundstimmung entsprochen haben: "Ich predige in einer übervölkerten Wüste. Weder ich noch andere können einen Ausweg finden. Ich glaube, es gibt keinen Ausweg." Dass sich Kulturpessimismus dieser Art mit traditioneller Parteipolitik nur bedingt verträgt, wurde denn auch schnell offenkundig: Gruhl wurde eines der ersten Opfer des "Systems Kohl" und trat aus der CDU aus, gründete 1980 mit Petra Kelly und anderen die Grünen, wurde einer der Parteisprecher, verkrachte sich mit den Linken wegen deren Vorlieben für Minderheiten aller Art, verließ auch die Grünen im Streit, gründete eine weitere Partei (die Ökologisch-Demokratische Partei) und versch wand gegen Ende der achtziger Jahre in der politischen Versenkung.

Skepsis und Pessimismus, daran ist zu erinnern, war unter den Vordenkern der ökologischen Bewegung und der grünen Parteien in den achtziger Jahren weit verbreitet - vor allem in Deutschland. Hoimar von Ditfurth, genial in der Popularisierung von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, resümierte sein Wirken in Anlehnung an Luther illusionslos: "So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen. Es ist soweit." Bernhard Grzimek, Spiritus Rector der Naturschutzbewegung und TV-Star mit Millionenpublikum, geißelte bei jeder sich bietenden Gelegenheit die "tickende Bevölkerungsbombe", die der Natur den Garaus zu machen drohe. Rudolf Bahro, einer der wenigen Universalgelehrten bei den Grünen, sprach von der tödlichen Wirkung der industriellen Megamaschine und kritisierte ökologische Reformpolitik als "grünen Anstrich der Titanic". Robert Jungk, profilierter Kämpfer gegen den Atomstaat, war zwar alles andere als ein Pessimist. Aber das "Menschenbeben" gegen die Zerstörung der Welt, das er sich vor allem von der Jugend erhofft hatte, blieb aus. Es war heiliger Zorn, der in seinen letzten Reden anklang.

Man fühlt Wehmut und Erleichterung gleichermaßen, wenn die grüne Realität unserer Tage mit den Stimmungen und Stimmen jener Zeit verglichen wird.

Wehmut nicht nur, weil nahezu alle Protagonisten mittlerweile tot sind, manche auf tragische Weise gestorben. Wehmut auch, weil die intellektuelle Schärfe und der idealistische Überschuss von Menschen wie Bahro, Kelly oder Joseph Beuys in grünen Diskussionen heute schmerzlich fehlen. Flogen früher die Fetzen und sprühten die Argumente Funken, so wird die Programmdebatte der Partei nun weitgehend theorielos und utopiefrei abgewickelt, dafür aber professionell und erfolgsorientiert. Nicht wenige sorgen sich, dass aus Grün Grau werden könnte.

Freilich empfindet auch Erleichterung, wer die gegenwärtige Nüchternheit der Grünen mit dem hohen Ton der achtziger Jahre vergleicht. Stets ging es da ums Ganze. Die Zerstörung der Welt war ziemlich sicher und konnte - falls überhaupt noch - nur unter Aufbietung höchster moralischer Empörung verhindert werden. Richtiges im Falschen war im Grunde unmöglich. Gläser waren prinzipiell halb leer, niemals halb voll. "Umgebaut" werden sollte so ziemlich alles - und zwar gründlich und schnell. Rückblickend erkennt man ein Denkmuster mit widersprüchlichen Fragmenten aus Romantik, Aufklärungsgestus und Machbarkeitsglauben: Die fehlgeleitete Zivilisation zerstört Natur und Natürlichkeit. Die Menschen lassen sich vom falschen Schein des Konsums blenden und müssen aufgeklärt werden. Was man ändern will, kann man auch ändern, wenn die Umbaupläne nur gut genug sind. Und wenn die Gesellschaft es trotzdem nicht akzeptiert, bleibt immer noch der Kulturpessimismus.