An dem Auslieferungslager steht "Amazon.com" geschrieben und darunter, kaum lesbar, in verwitterten Buchstaben: "Der größte Buchladen der Welt". Das Schild ist etwas mehr als vier Jahre alt und nicht mehr aktuell. Amazon habe einen neuen Slogan, lacht der Firmensprecher auf dem Weg ins Lager an Seattles South Dawson Street: "Die größte Auswahl der Welt". Nicht mehr, nicht weniger.

Drinnen ist die Hölle los. Ein paar Tage vor Weihnachten sind Hunderte Lagerarbeiter damit beschäftigt, Bücher und CDs aus den Regalen zu wuchten, an langen Tischen wird gepackt und geprüft, kontrolliert und frankiert. Irgendwo im Bauch der Halle arbeitet auch Jeff Bezos, der Amazon-Gründer und Multimilliardär. In der Vorweihnachtszeit packt der Chef mit an - wie auch Dutzende andere Spitzenmanager und Sekretärinnen, Verkäufer, Buchprüfer und Software-Schreiber.

Eine "notwendige Tradition" nennt der Firmensprecher diese Mobilisierung des Amazon-Büropersonals. In den Wochen vor Weihnachten gehen rund 30 Millionen Aufträge auf der Web-Seite des Online-Giganten ein, wesentlich mehr als zu jeder anderen Zeit des Jahres. Die Wünsche der Kunden umgehend zu erfüllen ist überlebenswichtig - und ohne die Hilfe von einigen hundert Angestellten nicht zu schaffen. Weihnachten 1999 habe 99 Prozent Planerfüllung gebracht, sagt Bezos, als er in einem staubigen Konferenzraum neben der Lagerhalle zum Gespräch eintrifft. "Weihnachten 2000 wird nicht schlechter werden."

Erfolg in der alles entscheidenden Weihnachtssaison - für Amazon wäre das eine dringend nötige gute Meldung zum Abschluss eines Jahrs, das an schlechten Nachrichten nicht eben arm war. Die Implosion der Dot.Com-Welt ist auch am größten Online-Händler der Erde nicht spurlos vorübergegangen. Seine Aktie stürzte von über 100 auf unter 30 Dollar, sein Geschäftsmodell wurde bezweifelt und belächelt. Die Firma sei überschuldet, ihr Überleben nicht garantiert, die Konkurrenz sei zu stark, das Management zu schwach, kritisierten Wall-Street-Experten und Investoren. Als Ravi Suria, Analyst beim Investmenthaus Lehman Brothers, im Juni voraussagte, dass Amazon Anfang 2001 das Geld ausgeht, krachte der Kurs der Firma an einem einzigen Tag um 19 Prozent in den Keller.

Sicher ist inzwischen: Amazon wird auch 2001 mit genügend Cash beginnen - eine gute Milliarde Dollar, prognostiziert der Kassenwart des Unternehmens, Russel Grandinetti. Von einem vorzeitigen Aus für den Internet-Pionier redet derzeit niemand mehr. Im Gegenteil: Der Shopping-Gigant dürfte zur Jahreswende besser dastehen als die meisten anderen amerikanischen E-Commerce- Firmen. Elf der 22 an der Wall Street notierten Online-Händler drohe 2001 das Ende, notierte vor einigen Wochen das Wirtschaftsmagazin Business Week. Die Chancen stehen gut, dass Amazon nicht darunter ist.

Für einen Betrieb, der vor gerade fünf Jahren in einer Garage gegründet wurde, ist Bezos' Schöpfung weit gekommen. 1996 residierte Amazon mit 120 Angestellten in einem heruntergekommenen Gebäude in Seattles Innenstadt; gegenüber holten sich Drogenabhängige bei der Seattle-King County Needle Exchange saubere Spritzen ab. Heute wird die neue Amazon-Zentrale auf einem Hügel über der Millionenstadt am Pazifik von rund 1000 Mitarbeitern bevölkert; weltweit hat das Unternehmen 8000 Angestellte. Aus einem Buchversender wurde ein multinationaler Online-Anbieter, der aus den USA, Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Japan insgesamt 25 Millionen Kunden versorgt - mit einer Produktpalette, die inzwischen von Büchern und Musik über Elektronik und Spielzeug bis zu Software, Autos, Cremes und Teppichen reicht.

Profitabel ist der Gigant allerdings nicht. 1999 wurde mit einem Minus von 700 Millionen Dollar abgeschlossen. Bis zum Oktober 2000 kamen noch einmal über 250 Millionen Dollar Verluste hinzu. Die Schulden des Unternehmens liegen bei zwei Milliarden, die jährliche Zinslast bei rund 100 Millionen Dollar. Sein rasantes Wachstum finanzierte Amazon nicht aus dem laufenden Geschäft, sondern fast ausschließlich aus dem Geld, das Gläubiger und Investoren in die Firma steckten. Endlos kann das so nicht weitergehen. Ohne Gewinne würde Monat für Monat so viel Cash "verbrannt", dass in der bisher noch gut gefüllten Kriegskasse irgendwann nichts übrig bleibt.