Künstlerpech: Der Chef der britischen Eisenbahnbehörde hatte sich in der vergangenen Woche extra ins ferne Wales aufgemacht, um dort dem Transportminister persönlich von seiner Arbeit zu berichten - und wurde prompt zum lebenden Beispiel: Sein Zug kam eine Stunde verspätet an, die Schlagzeilen fielen erwartet hämisch aus. Bloß können die Briten über solche Geschichten nicht mehr so richtig lachen. Sie haben ein monatelanges Baustellenchaos auf den Schienen hinter sich und eine Reihe tödlicher Bahnunglücke - das Experiment der Eisenbahnprivatisierung ist zehn Jahre nach seinem Beginn verhasst wie nie. "Steckt Firmenchefs ins Gefängnis!", forderte vor einiger Zeit ein Beitrag im New Statesman - einem sonst besonnenen Politikmagazin.

Den erstaunlichsten Erkenntnisprozess scheint allerdings Tony Blair durchgemacht zu haben. Neuerdings urteilt der Premierminister kategorisch, dass Eisenbahnfahren in seinem Land "die totale Hölle" sei. Aus Downing Street erklingt die Drohung, staatliche Behörden könnten bald zwangsweise das Management des privaten Schienenbetreibers Railtrack "übernehmen". Das ist zwar bloßes Säbelrasseln, aber immerhin: Privatisierungen und Teilprivatisierungen gehörten bis vor kurzem noch ohne Abstriche zu Tony Blairs Konzept vom Dritten Weg.

Jetzt scheint die Blair-Regierung sogar die geplante Zerschlagung und Teilprivatisierung der maroden Londoner U-Bahn ("Ein völlig neuer Ansatz - ein Dritter Weg") zu überdenken. Der linkspopulistische Londoner Oberbürgermeister Ken Livingstone macht schon länger dagegen mobil und hat aus den USA den Nahverkehrsexperten Bob Kiley eingeflogen ("der Retter der New Yorker Subway"). Dessen Gegenplan klingt schwer nach Old Labour: Er will die U-Bahn - im Grundsatz - in staatlicher Hand lassen und sie mit Staatsschulden finanzieren.

Interessanterweise kann jetzt sogar der wirtschaftsliberale Economist diesem Plan einiges abgewinnen. Die britischen Konservativen - sie hatten die Privatisierungswelle überhaupt erst losgetreten - sind auch dafür, und am Freitag kam unerwartete Schützenhilfe vom britischen Rechnungsprüfungshof. Die Vorteile der Blairschen Teilprivatisierung seien "offensichtlich nicht bewiesen". Und weiter heißt es: "Wir sagen nicht, dass die Regierung noch einmal darüber nachdenken soll. Sie soll überhaupt einmal nachdenken."

Vizepremier John Prescott traf sich am Wochenende hastig mit dem US-Experten Kiley und findet dessen Ideen "interessant". Vielleicht stellt sich ja heraus, dass der Dritte Weg für den Schienenverkehr nicht recht geeignet ist.