Im Land der gerechten Sünder

Am vorletzten Wochenende, als der juristische Endkampf ums Weiße Haus sich nochmals dramatisch zuspitzte und die schon siegesgewissen Republikaner eine Weile lang einer Niederlage ins Auge sehen mussten, unternahm es der Kolumnist einer bibeltreuen Wochenzeitschrift namens World Magazine, seinen Lesern den weltanschaulichen Hintergrund des Streits um die Nachzählungen zu erklären: Al Gore versuche, so schrieb Marvin Olasky in der Online-Ausgabe vom 9. Dezember, "die Wahl zu stehlen". Dieser freche Übergriff passe jedoch zu der "postmodernen Weltanschauung von Clinton und Gore": Denn wer nicht fest im Glauben an die "eine und unabänderliche Wahrheit der Schrift" verwurzelt sei, der werde gewiss auch nicht zögern, die "Gesetze und Regeln zu dekonstruieren", auf denen die staatliche Ordnung basiert.

Dieser Marvin Olasky, der in seinen Kolumnen Politik "aus einer biblischen Perspektive" kommentiert, ist kein fundamentalistischer Desperado, sondern längst ein bedeutender, wenn nicht der bedeutendste Intellektuelle der amerikanischen Rechten. Seine höchst erstaunliche Karriere - und die Karriere seines politischen Konzepts - ist sehr aufschlussreich für den Zustand des Konservatismus in Amerika, und womöglich längst schon darüber hinaus.

"Compassionate conservatism" - "mitfühlender Konservatismus" -, mittels dieses von Olasky geprägten Slogans konnte George W. Bush sich erfolgreich von dem hartherzigen Deregulierungskonservatismus der Reagan-Jahre distanzieren und die Republikaner von dem Makel befreien, sie seien die Partei der Reaktionäre und Superreichen. Olaskys Konzept erscheint mittlerweile auch krisengeschüttelten Konservativen in anderen Teilen der Welt als probate Antwort auf die sozialdemokratischen Versuche, im Zeichen von Dritten Wegen und Neuen Mitten das politische Zentrum zu besetzen.

Angela Merkels jüngste Thesen zur "Wir-Gesellschaft" können streckenweise als Parallelaktion zum compassionate conservatism gelesen werden - so etwa, wenn die CDU-Vorsitzende schreibt: "Wer Solidarität anderer in Anspruch nimmt, muss aber umgekehrt den ihm möglichen Beitrag für die Gemeinschaft erbringen." Es wird hier wie dort neu bestimmt, in welcher Weise Ansprüche des Individuums und der Gemeinschaft miteinander in Beziehung stehen sollen.

Ist der "Konservatismus mit Mitgefühl" also der Dritte Weg von rechts? Unter jener Flagge hatte die Linke sich ja in den letzten Jahren mit den Errungenschaften der vormals so verteufelten "neoliberalen" Thatcher-/Reagan-Jahre angefreundet. Entdeckt die Rechte nun also entsprechend unter dem Banner des "Mitgefühls" die "neue soziale Frage", von der die Linke in den Jahren des Booms nicht schweigen mochte? Haben wir es, in anderen Worten, mit einem neuen Beispiel für die grenzüberschreitende "Politik der Fusion" zu tun, die der Philosoph Mark Lilla vor Jahren bereits als das Zeichen der Zeit erkannt hatte?

Marvin Olaskys grenzgängerischer Werdegang kommt dieser Interpretation entgegen: Denn mit ihm wurde ausgerechnet ein ehemaliges Mitglied der Kommunistischen Partei Amerikas zum Lieblingsdenker der Republikaner. Olasky ist ein Renegat, und dies sogar in doppelter Hinsicht. Der Sohn jüdischer Einwanderer aus Russland wechselte nicht nur die Seiten im politisch-ideologischen Kampf, er konvertierte zeitgleich auch von der Religion seiner Eltern zu einem evangelikalen Protestantismus besonders eifernder Ausprägung. Seine politische und religiöse Konversion waren eins, was vielleicht die Wucht und Energie erklärt, mit der er seine neue Mission verfolgt.

Seine religiöse Erweckung zum fundamentalistischen Christen fand der Legende nach während der Lenin-Lektüre statt. So wurde Anfang der siebziger Jahre aus dem atheistischen, moskautreuen Juden ein jesusgläubiger Antikommunist, der den Herrn als seinen Retter und den amerikanischen Kapitalismus als die gottgewollte Ordnung erkannte. Olasky hatte noch als Marxist eine Dissertation über die Verfolgung der Linken in Hollywood angefangen - um schließlich ein Werk zu verfassen, dessen glühender Antikommunismus zum Erstaunen seines Doktorvaters den des Senators McCarthy übertrumpfen zu wollen schien.

Im Land der gerechten Sünder

Olasky, der Yale summa cum laude absolviert hat, ist ein Extremist im Wortsinn - einer, der das Spektrum der politischen Religionen voll ausschreitet: Vom Vertreter des Beton-Kommunismus der breschnewhörigen amerikanischen KP wurde er zum Feind jeglicher staatlichen Intervention in das sakrosankte Marktgeschehen. Er verteidigte fortan als Redenschreiber für den Konzern DuPont einen "reinen" Kapitalismus gegen jegliche Regulierung und kümmerte sich zugleich als freiwilliger Helfer um Drogenabhängige, Obdachlose und verarmte Alleinerziehende, die er "zu ihrem Erlöser Jesus Christus führen" wollte.

Aber erst eine ganze Weile später konnte aus diesem reichlich schrulligen Gelegenheitspublizisten und Laienprediger, der immerfort Buße für seine Jugendsünden zu tun schien, eine politische Figur werden, deren Lehre im rechten Lager einschlug wie der erlösende Donner nach langer Trockenheit. Jahrzehntelang hatte die republikanische Strategie sich darin erschöpfen können, den Staat für alle Missstände der Gesellschaft anzuprangern.

In den Jahren des Clinton-Booms zeichnete sich die Lage nun aber durch wachsenden Wohlstand in der Mittelschicht und trotzdem immer weiter klaffende Vermögensdifferenzen in der Gesellschaft aus - und dies am Ende bei staatlichen Überschüssen. Der neue Reichtum breiter Schichten und des Staates machte die hergebrachte, bloß staatsfeindliche Rhetorik der Republikaner obsolet. Offenbar waren ja nicht alle Probleme auf dem Weg der Entstaatlichung und Deregulierung zu lösen, wie es der traditionellen Linie der Partei entsprach. Im Übrigen hatte man kein Monopol mehr auf solche Positionen, seit Clintons "neue Demokraten" am Ruder waren. Um die Neue Mitte - die Profiteure der New Economy und des Börsenbooms - aus den Fängen des Gegners zurückzugewinnen, mussten die Republikaner ein neues Konzept finden, das mit den bekannten materiellen auch die moralischen Interessen dieser Klientel bedienen konnte. Aufsteiger neigen bekanntlich zu schlechtem Gewissen, denn neues Geld hat ein Legitimationsdefizit. Wer jetzt versprechen könnte, die Steuern weiter zu senken und zugleich die Schattenseiten der Gesellschaft aufzuhellen - der hätte die Wunderformel gefunden.

Hier nun kommt Marvin Olasky ins Spiel: Er hatte sich nach seiner Konversion in wohltätigen kirchlichen Organisationen engagiert, sogar selber mit seiner Frau eine Anlaufstelle für Schwangere in Krisensituationen gegründet. Seit den achtziger Jahren unterrichtete er Journalismus an der Universität von Texas in Austin. Innerhalb einer traditionell liberalen Institution lehrte er seine Studenten "biblische Objektivität". Was man darunter zu verstehen hat, lässt sich in seinem Buch Telling the Truth nachlesen: "Biblische Objektivität bedeutet, das Böse der Homosexualität aufzuzeigen; solche Storys auszubalancieren, indem man Schwulenaktivisten gleichermaßen zu Wort kommen lässt, ist gottloser Journalismus."

"Wir werden das Mitgefühl neu definieren"

Schließlich, als Olasky Ende der achtziger Jahre für ein Buch über die Geschichte der Mildtätigkeit in Amerika recherchierte, stieß er in den Schriften philanthroper Autoren des 19. Jahrhunderts auf ein Konzept, das der Eckstein seiner und am Ende auch George W. Bushs politischer Philosophie werden sollte: Damals, so Olasky, wurden die Armen und Bedürftigen nicht nur materiell versorgt. Sie wurden von ihren Wohltätern gefordert und diszipliniert und erhielten eine spirituelle Unterstützung, die den Charakter formte.

Olasky beschloss ein Experiment. Er verkleidete sich als Bettler und wanderte zwei Tage lang durch Suppenküchen und Wärmestuben, um seine Theorie zu testen. Zwar erhielt er Suppe und Brot, aber niemand fragte ihn, warum er überhaupt hier sei, und niemand, auch nicht in kirchlichen Organisationen, reichte ihm, wonach er stets verlangt: eine Bibel. Stattdessen gab man ihm einen Bagel. Aufgrund seiner Recherchen schrieb Olasky 1992 ein Buch mit dem Titel The Tragedy of American Compassion. Es wurde zunächst ein Flop beim Publikum und von der Kritik als "romantisch", "flach" und "bizarr" niedergemacht. Unter einflussreichen christlichen Konservativen jedoch begann es zu zirkulieren. Der ehemalige Erziehungsminister William Bennett nannte es "das wichtigste Buch über Sozialpolitik seit einem Jahrzehnt" und gab dem neuen republikanischen speaker, Newt Gingrich, ein Exemplar. In seiner viel beachteten ersten Rede an die Nation verkündete Gingrich: "Unsere Vordenker sind Alexis de Tocqueville und Marvin Olasky. Wir werden das Mitgefühl neu definieren und es zurückerobern."

Im Land der gerechten Sünder

Und so geschah es: Olasky, nun ein gern gesehener Talkshow-Gast, avancierte zu einem der engsten Berater von George W. Bush, seine Vorstellung von "effective compassion" wurde die offizielle Lehre der Partei. Das kämpferische Vorwort zu dem programmatischen neuen Buch aus Olaskys Feder, Compassionate Conservatism, das im Wahljahr 2000 erschien, schrieb niemand Geringeres als der Präsidentschaftskandidat der GOP selbst: "Es handelt sich um ein regelrechtes Programm mit einer sorgfältig ausgearbeiteten Philosophie. Es wird einen Fluss von Vorurteilen zu überqueren haben, was die Rolle der Religion in der amerikanischen Gesellschaft betrifft. Es wird zahlreiche ideologische Maschinengewehrnester zu passieren haben. Aber unser politischer Mut wird es dem mitfühlenden Konservatismus ermöglichen, Amerika zu verändern."

Man sollte den Ton solcher Reden ernst nehmen und sich hüten, in dem "neu definierten" Mitgefühl ein bloßes Wohlfühlwort zu vermuten, das den Besserverdienenden die Chance gibt, strikt nach ihren Interessen zu wählen und zugleich ihr Gewissen zu beruhigen. Compassionate conservatism ist in Wirklichkeit das Programm für ein radikales gesellschaftliches Experiment. Es ist eine Kampfansage gegen die Nachwirkungen eines Prozesses, den Olasky "the entitlement revolution" nennt. Im Zuge dieser Entwicklung hatten immer mehr Gruppen und Individuen Rechtsansprüche auf staatliche Leistungen erlangt: Arme, ethnische Minderheiten, alleinerziehende Mütter, Behinderte, Arbeitslose - sie alle bekamen im Rahmen der Vision von Lyndon B. Johnsons great society Anspruch auf Unterstützung durch den Staat und sind, so Olasky, gerade durch die milliardenschweren Sozialprogramme in einen Treibsand von Abhängigkeiten geraten.

Rückzug des Staates, Vormarsch der Religion

Nicht diese Diagnose ist neu - niemand bestreitet heute mehr die Dialektik wohlfahrtsstaatlichen Handelns. Selbst die Clinton-Regierung hat vor Jahren eine Reform der Fürsorgepolitik auf den Weg gebracht, die staatliche Leistungen an klar definierte Bedingungen koppelt. Die von Olasky und seinen Anhängern anvisierte Therapie allerdings ist keine Reform mehr, sondern ein totaler Bruch mit dem System. George W. Bush hat dies in einer viel beachteten Rede - womöglich eingedenk seiner eigenen Errettung aus dem Alkoholismus - so formuliert: "Manchmal finden wir unsere größte Hoffnung nicht in Reformen, sondern in einer Erlösung."

An die Stelle von Rechtsansprüchen, die das bedürftige Individuum an die staatlichen Institutionen verweisen, soll nach Olasky "effektives Mitgefühl" treten, das zwischen edlem Spender und armem Teufel vermittelt. Idealerweise sollte sich der Staat ganz aus der Wohlfahrtspflege zurückziehen und die Mildtätigkeit privaten, vorzugsweise kirchlichen oder "glaubensbasierten" Organisationen überlassen, die er vor allem durch Steuerprivilegien unterstützen sollte. Olasky argumentiert hier zwar oberflächlich utilitaristisch: Die Erfolgsquote der kirchlichen "charities" sei nun einmal höher als die der staatlichen Wohlfahrtsverbände.

Aber man lasse sich davon nicht täuschen: Es geht hier nicht bloß um pragmatische Fragen der Neuorganisation von Wohlfahrt. Es geht um nichts weniger als die Neudefinition des Verhältnisses von Staat und Individuum - und Staat und Kirche. Aus Rechtssubjekten, aus Bürgern mit einklagbaren Ansprüchen und Pflichten, würden die Armen und Bedürftigen nach dem Willen des compassionate conservatism in erlösungsbedürftige arme Sünder rückverwandelt, die sich für die guten Gaben idealerweise dadurch erkenntlich zeigen sollten, dass sie Jesus als ihren Retter annehmen. So ließe sich also unter dem Etikett des "mitfühlenden Konservatismus" der Rückzug des Staates probaterweise mit einem Vormarsch der Religion verbinden, und das alles unter dem Anschein einer neuen Nettigkeit.

Es ist unschwer erkennbar, dass diese Lehre starke Anleihen bei der katholischen Lehre von der Subsidiarität macht, die im Übrigen auch in Frau Merkels "Wir-Gesellschaft" bezeichnenderweise eine prominente Rolle spielt.

Im Land der gerechten Sünder

In der Enzyklika Quadragesimo Anno aus dem Jahr 1931 hatte die Kirche versucht, angesichts von Kapitalismus und Sozialismus ein Prinzip zu formulieren, das dem bedürftigen Individuum Unterstützung garantieren sollte, ohne den Einzelnen jedoch einem verabsolutierten Staat auszuliefern. Die größere Gemeinschaft solle erst dann subsidiär einspringen, wenn die je kleinere - angefangen mit Familie, Verein und Kirche - ihre Aufgabe nicht mehr bewältigen könne. Der Staat käme dann erst als letzter Akteur zum Zuge.

Dem radikalen theokonservativen Programm Olaskys und seiner Anhänger geht es jedoch nicht so sehr darum, die Würde des Einzelnen vor staatlichen Übergriffen zu schützen, wie es die Kirche seinerzeit vor allem mit Blick auf den sowjetischen Totalitarismus im Sinn hatte. Umgekehrt soll nun gerade der Staat durch ein Rollback der entitlement revolution vor den einstweilen noch verbrieften Ansprüchen der Individuen bewahrt werden. Und wenn diese anspruchsvollen Rechtssubjekte dann bei ihren frommen Rettern noch ein wenig Demut lernen - umso besser, auch wenn es dem First Amendment widerspricht, das die Trennung von Staat und Kirche verlangt.

Noch ist unklar, wie viel von diesem Programm in einer Bush-Regierung übrig bleiben kann, nachdem die Legitimität des neuen amerikanischen Präsidenten durch den Kampf der Gerichte um die Interpretation der Wahl erschüttert worden ist. Unwahrscheinlich, dass ein grundlegender Umbau der intermediären Strukturen zwischen Staat und Individuum jetzt noch ganz oben auf der Tagesordnung steht.

Es spricht aber einiges dafür, dass Michael Novak, ein weiterer Bush-Berater, Recht hatte, als er in einem Moment der Begeisterung über das neue Schlagwort seines Kandidaten schrieb: "Die politische Partei, der es am besten gelingt, die intermediären Strukturen zum Polarstern einer neuen überparteilichen Agenda zu machen, wird die praktische Politik für die nächsten fünfzig Jahre bestimmen."