Olasky, der Yale summa cum laude absolviert hat, ist ein Extremist im Wortsinn - einer, der das Spektrum der politischen Religionen voll ausschreitet: Vom Vertreter des Beton-Kommunismus der breschnewhörigen amerikanischen KP wurde er zum Feind jeglicher staatlichen Intervention in das sakrosankte Marktgeschehen. Er verteidigte fortan als Redenschreiber für den Konzern DuPont einen "reinen" Kapitalismus gegen jegliche Regulierung und kümmerte sich zugleich als freiwilliger Helfer um Drogenabhängige, Obdachlose und verarmte Alleinerziehende, die er "zu ihrem Erlöser Jesus Christus führen" wollte.

Aber erst eine ganze Weile später konnte aus diesem reichlich schrulligen Gelegenheitspublizisten und Laienprediger, der immerfort Buße für seine Jugendsünden zu tun schien, eine politische Figur werden, deren Lehre im rechten Lager einschlug wie der erlösende Donner nach langer Trockenheit. Jahrzehntelang hatte die republikanische Strategie sich darin erschöpfen können, den Staat für alle Missstände der Gesellschaft anzuprangern.

In den Jahren des Clinton-Booms zeichnete sich die Lage nun aber durch wachsenden Wohlstand in der Mittelschicht und trotzdem immer weiter klaffende Vermögensdifferenzen in der Gesellschaft aus - und dies am Ende bei staatlichen Überschüssen. Der neue Reichtum breiter Schichten und des Staates machte die hergebrachte, bloß staatsfeindliche Rhetorik der Republikaner obsolet. Offenbar waren ja nicht alle Probleme auf dem Weg der Entstaatlichung und Deregulierung zu lösen, wie es der traditionellen Linie der Partei entsprach. Im Übrigen hatte man kein Monopol mehr auf solche Positionen, seit Clintons "neue Demokraten" am Ruder waren. Um die Neue Mitte - die Profiteure der New Economy und des Börsenbooms - aus den Fängen des Gegners zurückzugewinnen, mussten die Republikaner ein neues Konzept finden, das mit den bekannten materiellen auch die moralischen Interessen dieser Klientel bedienen konnte. Aufsteiger neigen bekanntlich zu schlechtem Gewissen, denn neues Geld hat ein Legitimationsdefizit. Wer jetzt versprechen könnte, die Steuern weiter zu senken und zugleich die Schattenseiten der Gesellschaft aufzuhellen - der hätte die Wunderformel gefunden.

Hier nun kommt Marvin Olasky ins Spiel: Er hatte sich nach seiner Konversion in wohltätigen kirchlichen Organisationen engagiert, sogar selber mit seiner Frau eine Anlaufstelle für Schwangere in Krisensituationen gegründet. Seit den achtziger Jahren unterrichtete er Journalismus an der Universität von Texas in Austin. Innerhalb einer traditionell liberalen Institution lehrte er seine Studenten "biblische Objektivität". Was man darunter zu verstehen hat, lässt sich in seinem Buch Telling the Truth nachlesen: "Biblische Objektivität bedeutet, das Böse der Homosexualität aufzuzeigen; solche Storys auszubalancieren, indem man Schwulenaktivisten gleichermaßen zu Wort kommen lässt, ist gottloser Journalismus."

"Wir werden das Mitgefühl neu definieren"

Schließlich, als Olasky Ende der achtziger Jahre für ein Buch über die Geschichte der Mildtätigkeit in Amerika recherchierte, stieß er in den Schriften philanthroper Autoren des 19. Jahrhunderts auf ein Konzept, das der Eckstein seiner und am Ende auch George W. Bushs politischer Philosophie werden sollte: Damals, so Olasky, wurden die Armen und Bedürftigen nicht nur materiell versorgt. Sie wurden von ihren Wohltätern gefordert und diszipliniert und erhielten eine spirituelle Unterstützung, die den Charakter formte.

Olasky beschloss ein Experiment. Er verkleidete sich als Bettler und wanderte zwei Tage lang durch Suppenküchen und Wärmestuben, um seine Theorie zu testen. Zwar erhielt er Suppe und Brot, aber niemand fragte ihn, warum er überhaupt hier sei, und niemand, auch nicht in kirchlichen Organisationen, reichte ihm, wonach er stets verlangt: eine Bibel. Stattdessen gab man ihm einen Bagel. Aufgrund seiner Recherchen schrieb Olasky 1992 ein Buch mit dem Titel The Tragedy of American Compassion. Es wurde zunächst ein Flop beim Publikum und von der Kritik als "romantisch", "flach" und "bizarr" niedergemacht. Unter einflussreichen christlichen Konservativen jedoch begann es zu zirkulieren. Der ehemalige Erziehungsminister William Bennett nannte es "das wichtigste Buch über Sozialpolitik seit einem Jahrzehnt" und gab dem neuen republikanischen speaker, Newt Gingrich, ein Exemplar. In seiner viel beachteten ersten Rede an die Nation verkündete Gingrich: "Unsere Vordenker sind Alexis de Tocqueville und Marvin Olasky. Wir werden das Mitgefühl neu definieren und es zurückerobern."