Und so geschah es: Olasky, nun ein gern gesehener Talkshow-Gast, avancierte zu einem der engsten Berater von George W. Bush, seine Vorstellung von "effective compassion" wurde die offizielle Lehre der Partei. Das kämpferische Vorwort zu dem programmatischen neuen Buch aus Olaskys Feder, Compassionate Conservatism, das im Wahljahr 2000 erschien, schrieb niemand Geringeres als der Präsidentschaftskandidat der GOP selbst: "Es handelt sich um ein regelrechtes Programm mit einer sorgfältig ausgearbeiteten Philosophie. Es wird einen Fluss von Vorurteilen zu überqueren haben, was die Rolle der Religion in der amerikanischen Gesellschaft betrifft. Es wird zahlreiche ideologische Maschinengewehrnester zu passieren haben. Aber unser politischer Mut wird es dem mitfühlenden Konservatismus ermöglichen, Amerika zu verändern."

Man sollte den Ton solcher Reden ernst nehmen und sich hüten, in dem "neu definierten" Mitgefühl ein bloßes Wohlfühlwort zu vermuten, das den Besserverdienenden die Chance gibt, strikt nach ihren Interessen zu wählen und zugleich ihr Gewissen zu beruhigen. Compassionate conservatism ist in Wirklichkeit das Programm für ein radikales gesellschaftliches Experiment. Es ist eine Kampfansage gegen die Nachwirkungen eines Prozesses, den Olasky "the entitlement revolution" nennt. Im Zuge dieser Entwicklung hatten immer mehr Gruppen und Individuen Rechtsansprüche auf staatliche Leistungen erlangt: Arme, ethnische Minderheiten, alleinerziehende Mütter, Behinderte, Arbeitslose - sie alle bekamen im Rahmen der Vision von Lyndon B. Johnsons great society Anspruch auf Unterstützung durch den Staat und sind, so Olasky, gerade durch die milliardenschweren Sozialprogramme in einen Treibsand von Abhängigkeiten geraten.

Rückzug des Staates, Vormarsch der Religion

Nicht diese Diagnose ist neu - niemand bestreitet heute mehr die Dialektik wohlfahrtsstaatlichen Handelns. Selbst die Clinton-Regierung hat vor Jahren eine Reform der Fürsorgepolitik auf den Weg gebracht, die staatliche Leistungen an klar definierte Bedingungen koppelt. Die von Olasky und seinen Anhängern anvisierte Therapie allerdings ist keine Reform mehr, sondern ein totaler Bruch mit dem System. George W. Bush hat dies in einer viel beachteten Rede - womöglich eingedenk seiner eigenen Errettung aus dem Alkoholismus - so formuliert: "Manchmal finden wir unsere größte Hoffnung nicht in Reformen, sondern in einer Erlösung."

An die Stelle von Rechtsansprüchen, die das bedürftige Individuum an die staatlichen Institutionen verweisen, soll nach Olasky "effektives Mitgefühl" treten, das zwischen edlem Spender und armem Teufel vermittelt. Idealerweise sollte sich der Staat ganz aus der Wohlfahrtspflege zurückziehen und die Mildtätigkeit privaten, vorzugsweise kirchlichen oder "glaubensbasierten" Organisationen überlassen, die er vor allem durch Steuerprivilegien unterstützen sollte. Olasky argumentiert hier zwar oberflächlich utilitaristisch: Die Erfolgsquote der kirchlichen "charities" sei nun einmal höher als die der staatlichen Wohlfahrtsverbände.

Aber man lasse sich davon nicht täuschen: Es geht hier nicht bloß um pragmatische Fragen der Neuorganisation von Wohlfahrt. Es geht um nichts weniger als die Neudefinition des Verhältnisses von Staat und Individuum - und Staat und Kirche. Aus Rechtssubjekten, aus Bürgern mit einklagbaren Ansprüchen und Pflichten, würden die Armen und Bedürftigen nach dem Willen des compassionate conservatism in erlösungsbedürftige arme Sünder rückverwandelt, die sich für die guten Gaben idealerweise dadurch erkenntlich zeigen sollten, dass sie Jesus als ihren Retter annehmen. So ließe sich also unter dem Etikett des "mitfühlenden Konservatismus" der Rückzug des Staates probaterweise mit einem Vormarsch der Religion verbinden, und das alles unter dem Anschein einer neuen Nettigkeit.

Es ist unschwer erkennbar, dass diese Lehre starke Anleihen bei der katholischen Lehre von der Subsidiarität macht, die im Übrigen auch in Frau Merkels "Wir-Gesellschaft" bezeichnenderweise eine prominente Rolle spielt.