Vorspiel zu einem barbarischen Akt von Fremdenfeindlichkeit, wie ihn niemand für möglich hält - erst recht nicht mehr nach den Tagen von Sebnitz: Da sitzt zunächst ein Mann in der Abendsonne unter dem Stadttor, sieht zwei Fremde herankommen, begrüßt sie freundlich und bittet sie zu sich. "Nein, wir wollen über Nacht im Freien bleiben." Da nötigt er sie sehr, schließlich nehmen sie die Einladung an.

Plötzlich aber gibt es einen Volksauflauf vor dem Haus: "Heraus mit den zwei Fremden! Gib sie uns! Wir wollen uns über sie hermachen." Dies heißt nach dem lokalen Sprachgebrauch: erst vergewaltigen, Mann für Mann, dann töten. Der Mob lässt sich nicht besänftigen. Schließlich geht der Gastgeber so weit, im Austausch seine beiden jungfräulichen Töchter anzubieten. Nicht einmal das verfängt. In letzter Sekunde gelingt es den beiden Fremden, ihren tödlich gefährdeten Gastgeber ins Haus zurückzuziehen, Türen und Fenster zu verrammeln. - Eine unglaubliche Geschichte? Aber wahrlich ein Stück Menschheitsgeschichte!

Am Beginn unserer Geschichte bringt diese archaische Erzählung auf brutalstmögliche Weise die Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren zum Vorschein - das immer zugleich Gegenwärtige: zum einen die mordlüsterne Fremdenfeindlichkeit, zum anderen aber die heilige Pflicht zur Gastfreundschaft; sie lässt in unserem Fall den guten Mann sogar seine Vaterpflichten vergessen. Fremdenfeindlichkeit und Gastfreundschaft, das sind die beiden Pole, zwischen denen sich unsere gesamte Geschichte der Beziehungen abspielt, zwischen uns - und den Fremden.

Genau genommen ist der Begriff "Fremdenfeindlichkeit" ursprünglich ein Pleonasmus, ein "weißer Schimmel": Denn der Fremde, das war ursprünglich auch der Feind, und der Feind, das war der Fremde. Das lateinische Wort hostis steht für Fremdling, Ausländer, Feind. Aber schon zeigt sich auch die Zwiespältigkeit: Das Wort hospes steht für zwei gegensätzliche Rollen, für den Wirt wie für den Gast, auch für den Fremden. Und der hospes wie die hospitalitas sollen sich entwickelt haben aus dem hostem petere: den Fremden/den Feind (herbei)bitten - aus dem Gebot der Gastfreundschaft also.

Ein uralter Widerspruch - so alt, dass man sich fragen muss, ob er nicht in beiden Aspekten seine Wurzel in der menschlichen Urausstattung hat: die Fremdenscheu im Apriori des Instinkts, das Gebot der Gastfreundschaft im Apriori des Gewissens.

Ob die Distanz zum Fremden uns Menschen angeboren ist, ob sie genetisch vorgeprägt oder kulturell erlernt ist? Die Anthropologie zählt einige Indizien für genetische Prägungen auf. Aber damit ist noch längst nicht die Frage beantwortet: In welchem Maße sind wir in unserem Verhalten genetisch festgelegt? Oder sind wir doch zuerst Subjekte eines freien Willens - und einer moralisch gebundenen Verantwortung? Andererseits: Es kann in der Tat kein sauberes, klares Denken geben, das sich nicht gegen die elementare Fremdenscheu in uns kehrt; trotzdem kann unser Denken diese Abneigung allenfalls überwinden, nicht aber ein für alle Mal eliminieren. Und deshalb muss jeder für sich darauf achten, dass er nicht die auch in ihm selber schlummernde, verdrängte Fremdenscheu bequem auf "den anderen" überträgt, also projiziert - im Wege einer nur selbstgerechten, hyper-moralischen Verachtung des, ach, so fremden Fremdenfeinds.

Auch das zurückliegende Jahr 2000 war von lauter Widersprüchen gezeichnet. Wir waren bereit, das Unglaubliche zu glauben, in Sebnitz und Düsseldorf - und haben zugleich das wirkliche Geschehen oft nicht wahrgenommen. So ist das eben mit der Fremdenfeindlichkeit: Ihre Realität ist so unglaublich, dass selbst das Unglaubliche für wahr gehalten wird. Aber das ist nicht das ganze Bild: Ungefähr 50 000 Kinder wurden 2000 als Deutsche geboren, die vor dem neuen Staatsbürgerschaftsrecht als Ausländer zur Welt gekommen wären. Die lange tabuisierte Behauptung "Deutschland ist kein Einwanderungsland" wurde umgekehrt in die parteiübergreifende Erkenntnis "Deutschland braucht Zuwanderung" - aber als Gegenbewegung wurde die Debatte über die "deutsche Leitkultur" zelebriert. Dabei müsste die Frage eigentlich lauten: Gibt es eine (deutsche) Identität auch ohne kulturelle Abgrenzung? Und wenn Identität schon nicht ohne Nicht-Identität, Übereinstimmung nicht ohne Differenz zu erfahren ist: Gibt es eine Differenz ohne Diskriminierung? Vor allem aber: Wenn das je Besondere sich offenkundig unterscheidet, was ist dann das offenkundige Allgemeine?