Wer sagt, was Leben ist? So fragt Hartmut Böhmes Überschrift (ZEIT Nr. 49/00) und verweist auf die provozierende Anmaßung der Biowissenschaften, die Antwort geben zu wollen. Ihr Konzept stelle einen universellen Anspruch, sei jedoch eine Schwundstufe im Rahmen unserer Kultur. Und sogleich ist auch das Schmähwort Reduktionismus zur Hand, das immer passt, ganz gleich, ob der Humanbiologe die "kulturellen und historischen Dimensionen des menschlichen Daseins" in sein Gebäude integriert (wie der Soziobiologe) oder sich dessen entschlägt.

Die Wissenschaft vom Lebendigen hat seit etwa 200 Jahren eine Abkehr von der spekulativen Naturphilosophie vollzogen. Die strenge Reduktion auf die Naturbasis und die Analyse der komplexen Vielfalt durch Rückführung auf ihre Bestandteile wurden zu ihrem methodischen Prinzip. Ganzheitliche Betrachtungen (auf deren Primat Goethe gegen Newton beharrte) werden erst im Nachhinein aus den zuvor im Detail aufgeklärten Teilsystemen entwickelt. So entstanden zunächst die klassifizierenden Systeme der Botanik und Zoologie, die beschreibenden Disziplinen Anatomie, Pathologie und schließlich Physiologie und Biochemie als experimentelle Grundlagenfächer. Sie übernahmen die alte Kunst der geduldigen Naturbeobachtung und ergänzten sie durch die experimentelle Methode. Zum Grundsatz wurde, sich jeder philosophischen Spekulation über Kultur und ethische Werte zu enthalten und nur harte empirische Fakten zu Theorien zu verknüpfen, die eine Erklärung der quantitativen Zusammenhänge liefern, ohne Transzendenz und Metaphysik.

So lautete das Prinzip, und es ist überflüssig, diesen Fächern vorzuwerfen, dass sie dieses Programm durchgeführt haben. Einzig legitim ist eine solche Kritik, wenn sie zeigen kann, dass die Biologie die selbst gewählte Beschränkung überschreitet und sich dort zu Aussagen über menschliche Kultur und ihre historische Dimension versteigt, wo ihre Methoden das nicht hergeben. Da kann ich Hartmut Böhme zustimmen. Auch darin, dass manche Vertreter der neuen Bio- und Computerwissenschaften mit ihren Interpretationen übers Ziel weit hinausschießen, etwa James Watson, wenn er (sinngemäß) sagt, dass einst die Bibel und heute das menschliche Genom das Buch der Weisheit sei. Dazu ist freilich anzumerken, dass solche Grenzüberschreitungen recht schnell von einer wachen Öffentlichkeit eingefangen werden. Auch aus den eigenen Reihen fliegt das Lasso.

Dennoch verrennt sich Hartmut Böhme mit seiner Attacke gegen die Biowissenschaften. Es ist nicht zutreffend, dass erhöhte Forschungsmittel für die molekulare Genetik lediglich dafür gefordert werden, ein Promille der Bevölkerung von monogenen Defekten zu heilen, einmal ganz davon abgesehen, dass diese Defekte nicht "hiesig" sind, sondern weltweit und dass es sich um das Schicksal von immerhin sechs Millionen Menschen handelt.

Unsere Probleme sind nicht mehr in Natur und Kultur zu trennen

Der Sachverhalt ist vielmehr so, dass es kein einigermaßen tiefliegendes Problem der modernen Biowissenschaften gibt, das sich ohne Untersuchung des genetischen Informationsbestandes und seiner regulierten Ablesung noch lösen ließe. Das gilt für die gesamte Zoologie, Botanik und Mikrobiologie, aber auch für die Humanbiologie, eingeschlossen alle Volkskrankheiten wie Arteriosklerose, Herzinfarkt, Schlaganfall, Zuckerkrankheit, Asthma, Hirndegeneration im Alter und vor allem Krebs. Und das sind keine Luxuskrankheiten nur der "zynischen Reichen" dieser Welt, deren Erforschung die "Probleme einer Erdpolitik" noch vergrößern würden. An ihnen leiden und sterben Menschen in der ganzen Welt. "Banal" und vielleicht ohne Genforschung zu lösen sind allenfalls Gesundheitsprobleme, die mit Unter- und Fehlernährung, mit Umweltgiften und der Vernichtung natürlicher Ressourcen zu tun haben. Hier bedarf es in der Tat umfassender, weltweit wirksamer Richtungsänderungen von Gesellschaft und Politik und auch entsprechender Steuerung der Forschungsziele.

Ich sehe das Problem nicht darin, dass die neuen Biowissenschaften eine kulturelle Hegemonie anstrebten, indem sie alle menschliche Kultur und Historie auf biologische Konstrukte reduzierten. Tendenzen dieser Art lassen sich kritisch dekonstruieren. Es ist umgekehrt so, dass die Aussagen dieser Wissenschaften in die Kultur der Gesellschaft hineingenommen werden und sie fundamental verändern. Ich würde wie viele andere Kollegen gern bei meinen Leisten bleiben, wo ich mich sicher fühle. Mein Problem ist, dass das nicht mehr durchhaltbar ist. Alle Naturwissenschaften werden heute aus dem Schneckenhaus herausgeholt, ja energisch herausgerufen. Sie sollen Verbindliches zur Gefährdung durch Prione, zur Atomenergiepolitik, zum Kohlendioxidausstoß, zum Anstieg des Meeresspiegels, zur Umleitung des Golfstroms, zu Aids und zum Ozonloch sagen, und es soll nicht die vorsichtige Situationsbeschreibung des präpolitischen wissenschaftlichen Diskurses sein, sondern handhabbare Aussage, klare Handlungsanweisung. Wir werden zu Entscheidungen gezwungen, die von der bewährten Methode nicht streng gedeckt sind, und zu Problemen befragt, deren Studium aus dem reduziert definierten Objektbereich herausfällt. Die Gesellschaft will solche Antworten haben. Sie erlaubt nicht, dass ich mit der Botanisiertrommel im reduktionistischen Elfenbeinturm bleibe. Gregor Mendel würde heute schnell von der Presse in seinem Klostergarten aufgespürt und zu eindeutiger Darstellung der politischen Konsequenzen seiner Vererbungsformel gezwungen werden.