SOMMER: In den vergangenen Jahrzehnten ist der Mythos vom Menschen als einzigem Kulturwesen jedenfalls zerbrochen. Menschenaffen leben in hoch komplexen Gesellschaften mit eigenen lokalen Traditionen, fertigen und benutzen Werkzeuge, können Techniken durch Lehren weitergeben, gehen auf die Jagd, vermögen in die Zukunft zu planen, politische Strategien zu verfolgen und kommunizieren in Kunstsprachen, die Wissenschaftler sich ausgedacht haben. Eitle Homozentriker freilich werden all das bestreiten oder einfach erneut die Messlatte höher legen. Herauskommen wird dabei am Ende, dass der Mensch als einziges Wesen die Formel von Coca-Cola kennt.

ZEIT: Aber eine Grenze lässt sich wohl kaum wegdiskutieren: die Artengrenze.

SOMMER: Arten sind nicht mehr als menschengemachte Kategorien - nützlich als Ordnungs- und Kommunikationsmittel, doch irreführend, wenn sie für biologische Realitäten gehalten werden. Im Längsschnitt der Stammesgeschichte löst sich alle Unterscheidung auf. Denn wo hört der Affe auf, wo fängt der Mensch an? Vermutlich könnten Menschen und Menschenaffen sich sogar heute noch kreuzen.

ZEIT: Jetzt übertreiben Sie aber.

SOMMER: Sogar "Schiegen" sind möglich. Und der genetische Abstand zwischen Schafen und Ziegen ist weitaus größer als die Differenz zwischen Menschen und Schimpansen.

ZEIT: Dass sich der Mensch ins Zentrum stellt, scheint relativ nachvollziehbar zu sein.

SOMMER: Selbstverständlich sind Menschenhirne darauf programmiert, sich besonders für das zu interessieren, was Menschen betrifft. Diesem Narzissmus verdanken die Affen ja gerade ihre Popularität. Die Menschenähnlichkeit beschert ihnen aber auch ein Dilemma. Denn nicht menschliche Primaten stehen uns hinreichend nahe, sodass sie in biomedizinischen Versuchen ausgebeutet werden können. Sie sind uns aber nicht nahe genug, um vor dem Tod im Versuchslabor geschützt zu sein.