Dabei hatte alles so harmlos angefangen. Zwei Pärchen, beide in den Zwanzigern, treffen sich zu Plausch und Abendessen. Ralf und Sarah, er Chaosforscher, sie Büroangestellte, haben eingeladen. Noch kennt man sich nur flüchtig: Edith ist Arbeitskollegin von Sarah, Bastian, ihr Ehemann, Architekt; Sindelfingen, erfahren wir beiläufig, verdankt ihm den Bau eines hübschen Uhrenmuseums. Eigentlich sind es ganz normale, seriöse Leute, die da beisammen sind, typisches Middle-Class-Milieu. Es könnte so nett miteinander werden. Und alles scheint in bester Ordnung.

Nur ein paar Kleinigkeiten stören. Der geringen Mühe, für ihre Besucher selbst etwas zu kochen, mochten sich die Gastgeber offenbar nicht unterziehen - kühl verweisen sie auf den Pizzadienst. Warum diese Unhöflichkeit? Und ihr Gerede von der Leiche, die man vorläufig im Schrank verwahre, von Herrn Kolpert, Ediths und Sarahs unscheinbarem Kollegen - ein eigenartiger Humor. Doch auch Bastian, Diabetiker und Abstinenzler, verhält sich nicht so, wie man es von Gästen bei diesem Anlass erwarten dürfte. Zwei, drei Sätze über die beiderseitigen Trinkgewohnheiten - schon packt er den Hausherrn an der Gurgel: "Ich hoffe, das Thema ist jetzt durch." Und noch etwas irritiert: Das geräumige, in hellem Holz gehaltene Wohnzimmer bietet zwar Platz für eine mächtige Truhe, aber nur Sitzgelegenheit für drei Personen. Einer also ist zu viel - aber wird man deshalb gleich jemand umbringen wollen?

Man wird. In David Gieselmanns Komödie Herr Kolpert, die jetzt an der Berliner Schaubühne ihre deutschsprachige Premiere hatte, passieren Morde "nur so". Aus Langeweile, in Konversationspausen, einfach mal zur Abwechslung. Juristisch betrachtet, kann über die niedrigen Beweggründe für den mehrfachen Mord kein Zweifel bestehen - theatralisch dagegen sind mildernde Umstände voll anzurechnen: Herr Kolpert steht in bester angelsächsischer Unterhaltungstradition, ist die Fortsetzung einer schwarz(humorig)en Serie, die von Arsen und Spitzenhäubchen bis zu den Ladykillers, von Alfred Hitchcocks Cocktail für eine Leiche bis zu Joe Ortons Beute reicht. Very, very british.

Und tatsächlich war Herr Kolpert bei der Londoner Uraufführung im Mai ein großer Erfolg. Gieselmann, Jahrgang 1972, Absolvent des Studiengangs Szenisches Schreiben an der Hochschule der Künste in Berlin, hatte an einer Dramatikerwerkstatt des Royal Court Theatre teilgenommen - und prompt für seinen Text den Zuschlag erhalten. Jetzt wird das Stück, dessen frühe Entwürfe noch in die Zeit zurückreichen, als die heutigen Schaubühnen-Leiter Thomas Ostermeier und Jens Hillje an der "Baracke" arbeiteten, postwendend nach Deutschland reimportiert. Für den neuen, raschen internationalen Autorenaustausch und die grenzüberschreitende Kooperation der Theater ist es ein schönes Beispiel - vor ein paar Jahren wäre das nicht denkbar gewesen.

Der Reiz des kleinen Stücks liegt nicht in einer Botschaft, sondern in der Leichtigkeit und Lakonie seiner Dialoge, im blitzschnellen Wechsel der Stile. Ein Witz, der keinen Anlauf nimmt, nur aus dem Sprunggelenk federt. Das wirkt unverbissen, unteutonisch - und folgt ganz schamlos den Eskalationsmustern aller einschlägigen Mord-im-Alltag-Farcen: Unversehens wird die Wirklichkeit porös, bizarre Vorkommnisse häufen sich, zuletzt steht die Normalität Kopf - aus Hausfrauen werden Vampire, aus Besserverdie- nenden Bestien. Das alles verzichtet auf Logik, Psychologie, tiefere Bedeutung. Und nur ganz am Ende, schade, schade, hat den Autor doch noch das schlechte Gewissen gepackt. Letzte Regieanweisung: Die drei Überlebenden, Edith, Sarah und Ralf, "stehen nackt und weinen". Unnötiger Katzenjammer.

Gegen diese aufgepappte Schwermütelei hätten Marius von Mayenburg und sein Koregisseur Wulf Twiehaus mit List und Lücke angehen müssen. Stattdessen wabert das Finale in blauem Nebel und schweren Klängen. (Eine Jazzband begleitet den gesamten Abend.) Das ist peinlich - denn so viel Tiefsinn steht Gieselmanns Komödie nicht gut zu Gesicht. Ohnehin wird ständig des Erwartbaren zu viel getan: Die Aufführung bläht sich, und immer wirken die Schauspieler - Ste- phanie Eidt und Lars Eidinger als Gäste, Julika Jenkins und Tilo Werner als Gastgeber - eine Spur überanstrengt. Dass Leichtsinn und Lachlust nicht zum gängigen Repertoire der Schaubühnen-Darsteller gehören - es ist gar nicht zu übersehen. Zu schwerfällig und verkrampft die Gewaltballette, die Rutschpartien und Lachanfälle, die Jagd im Kleiderschrank und der Slapstick mit der Telefonschnur, das Timing hinkt, die Morde werden pompös zelebriert. Aus dem makabren Boulevard wird bluttriefende Klamotte, aus eleganter Stilparodie verschwitztes Kasperltheater.

"Da muss wohl was schief gelaufen sein", sagt Ronald Kukulies, der Pizzamann, bevor man ihn abmurkst und in der Truhe mit den anderen Leichen verstaut. Er hat das vollkommen richtig erkannt.