Boom 2000 - so stand es verheißungsvoll über der Konjunkturprognose vor einem Jahr. Ein Volltreffer! Der Start ins neue Millennium bescherte der deutschen Volkswirtschaft ein glänzendes Jahr, besser als die schon optimistischen Prognosen. Für 1999 waren die Auguren durch übergroßen Optimismus aufgefallen; am Ende war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gerade mal um 1,6 Prozent gewachsen. Für 2000 wagte das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle die mutigste Voraussage mit einem Wachstum von 2,8 Prozent. Am Ende dieses Jahres werden es mindestens 3 Prozent sein. Bis zum Einheitsboom 1990 muss man zurückgehen, um in Deutschland eine solche Wachstumsrate zu finden.

Dabei fing das Jahr 2000 mit Zittern und Bangen an. Die Angst vor der Y2K-Katastrophe, dem großen Datencrash, ging um: Was, wenn die dummen Computer mit den vielen Nullen des Jahres 2000 nicht zurechtkommen und verrückt spielen würden? Nichts dergleichen passierte. Der nächste Schreck kam von der Börse. Mit dem Frühjahr nahm der Höhenrausch der Kurse ein jähes Ende, gewaltige Vermögen lösten sich in nichts auf. Unvermittelt drohten Investitionen und Konsum unter der miesen Stimmung zu leiden. Aber der Schaden hielt sich in Grenzen. Dann explodierten die Ölpreise, Krisenszenarien waren gefragt. Doch der befürchtete Ölschock - er wäre der vierte seiner Art gewesen - fiel moderater aus als seine Vorgänger. Die Wirtschaft steckte auch das weg, der Boom 2000 war stärker.

Wichtigste Stütze für das Wachstum waren die Exporte. Das überrascht, weil in Zeiten guter Konjunktur in aller Regel die Inlandsnachfrage zur dominierenden Antriebskraft wird. Doch die deutsche Exportwirtschaft war besonders wettbewerbsfähig, einmal dank des billigen Euro, zum andern wegen der - auf die produzierten Stückzahlen bezogen - niedrigen Lohnkosten, die seit dem vierten Quartal 1999 immer unter dem Vohrjahreswert lagen. "Die Auslandsnachfrage", so das Resümee der Bundesbank, "ist bis zuletzt die wichtigste Konjunkturstütze geblieben."

Dagegen litt die Inlandsnachfrage unter den gestiegenen Ölpreisen, die Kaufkraftverluste bei den Verbrauchern auslösten. "Die Bremsspuren des Ölpreisschubs sind beim privaten Verbrauch sichtbar", analysierte die Dresdner Bank. Ein allerdings begrenzter Schaden, wenn man rekapituliert, wie bedrohlich die Entwicklung schien. Anfang 1999 kostete das Barrel Öl noch um 10 Dollar, im Frühjahr 2000 waren es schon 25, Anfang September gar über 37 Dollar. Am Wochenende lag der Barrel-Preis allerdings wieder bei 23 Dollar, und die Opec hat angekündigt, sie wolle ihn in einem Korridor zwischen 22 und 28 Dollar halten.

Erstaunlich moderat blieb der Anstieg der Verbraucherpreise mit 1,9 Prozent. Das war zwar mehr, als die Prognostiker vorhergesagt hatten, aber wenig angesichts der Entwicklung der Ölpreise und des Euro-Kurses. Beide Faktoren führten zu einem zweistelligen Anstieg der Importpreise mit einem Höhepunkt von 13 Prozent im September. Doch in keinem Monat des zu Ende gehenden Jahres lag die Inflationsrate über 2,5 Prozent - ein klares Indiz, dass der Wettbewerb auf den heimischen Märkten gut funktionierte.

Durchwachsen sind dagegen die Nachrichten vom Arbeitsmarkt. Die Zahl der Arbeitslosen ist zurückgegangen. Vor Beginn dieses Winters liegt ihre Zahl bei 3,65 Millionen - immerhin 255 000 weniger als im November 1999. Auch steigt die Zahl der Erwerbstätigen an. Es stimmt also nicht, dass die Arbeitslosigkeit nur sinkt, weil sich viele Ältere frühverrenten ließen und geburtenschwache Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt kommen. Im vergangenen Sommer waren eine halbe Million Menschen mehr in Lohn und Brot als ein Jahr zuvor, und das Institut der deutschen Wirtschaft sagt voraus, dass die Zahl der Beschäftigten im kommenden Jahr noch einmal um eine halbe Million steigen wird.

Doch aus gutem Grund mahnt der Sachverständigenrat: "Alles in allem ist der Beschäftigungsaufbau im Gefolge des derzeitigen Konjunkturzyklus enttäuschend. Verglichen mit der Entwicklung während der vorangegangenen Aufschwungphasen in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren, nimmt die Beschäftigung nur mit großer Verzögerung zu." Zumal der Sprung von 1998 auf 1999 großteils auf eine Korrektur der Statistik zurückgeht: Sie erfasste erstmals geringfügig Beschäftigte.