Finanzminister Hans Eichel lässt sich dadurch seinen Optimismus nicht kaputtmachen: "In einem positiven Umfeld der Weltwirtschaft und den guten Aussichten in der Euro-Zone können wir jetzt mit einem lang anhaltenden Wirtschaftsaufschwung rechnen." Er nannte damit zugleich das Stichwort für eine neue Debatte: den Aufschwung von Dauer. Gute Argumente dafür kommen aus Amerika, selbst wenn dort inzwischen der Abschwung eingesetzt hat. Seit März 1991 wuchs die Wirtschaft - und das mit Jahresraten von bis zu fünf Prozent. Nie kannte das Europa der Nachkriegszeit eine annähernd lange Aufschwungphase. Amerikanische Ökonomen diskutierten bereits die Frage, ob man aus dieser Erfahrung den Schluss ziehen könne, die Zeit der wiederkehrenden Konjunkturzyklen sei vorbei.

Bisher galt die Erfahrung: Nach dem Aufschwung kommt der Abschwung, wobei die Ausschläge nach oben und unten ebenso variieren wie der Zeitraum zwischen Hoch und Tief. Erklärungen für die Zyklen wurden zuhauf formuliert. Das ging bis zu der These des Briten William Jevons, der aus einer Häufung von Sonnenflecken und dadurch bedingten Ernteschwankungen auf sieben- bis zehnjährige Konjunkturzyklen schloss. Aber niemand konnte ergründen, warum es ohne das ewige Auf und Ab nicht geht. Was wäre, wenn die alten Zyklen so tot wären wie die Old Economy und die amerikanische Erfahrung sich auf andere Volkswirtschaften übertragen ließe?

Erraten, das Schlüsselwort für diese hoffnungsfrohe Debatte heißt New Economy. "Mit der Neuen Ökonomie", so der Sachverständigenrat in seinem jüngsten Gutachten, "verbinden sich die Hoffnungen und Erwartungen, dass der Wachstumspfad des Produktionspotenzials als Folge permanent gestiegener Zuwachsraten der Produktivität dauerhaft höher liegen kann." Wie in den USA, wo die New Economy einen größeren Teil zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt als irgendwo sonst und wo eine Traumkonstellation entstanden ist: ein bald zehn Jahre anhaltendes Wachstum bei einer Arbeitslosenquote von lediglich 3,9 Prozent, bei um 5 Prozent pro Jahr steigenden Stundenlöhnen und einer Inflationsrate von etwa 2,5 Prozent.

Für die Amerikaner besteht nicht der Hauch eines Zweifels: Die Beschleunigung der Produktivität in den vergangenen fünf Jahren geht zu mehr als zwei Dritteln auf massive Investitionen in Informations- und Kommunikationstechnologien zurück. Dass gleichzeitig die Globalisierung einen großen Rationalisierungsdruck auf die US-Wirtschaft ausübte, sorgte für eine gründliche Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit. In dieser Konstellation waren logischerweise Staat und Notenbank wenig versucht, korrigierend einzugreifen, vermieden somit auch das Risiko, konjunkturelle Schwankungen unfreiwillig zu verstärken.

Doch leider, leider, der Traum vom ungebrochenen Wachstum ist ausgeträumt. In den USA sanken die Investitionen im dritten Quartal 2000 schlagartig; die Produktivität und auch die Wirtschaft insgesamt wachsen wieder deutlich langsamer, die Inflationsrate ist im Oktober bei 3,5 Prozent angelangt. Und die Wohltaten der Informations- und Kommunikationstechnologie? Da meldet der Sachverständigenrat Zweifel an: "Ob es sich bei der Neuen Ökonomie um ein dauerhaftes oder nur um ein temporäres Phänomen handelt, lässt sich derzeit nicht mit Sicherheit sagen."

Hauptsache, hierzulande geht es halbwegs solide weiter. Zwar warnt die Bundesbank, die weltwirtschaftlichen Perspektiven würden "allgemein nicht mehr ganz so günstig eingeschätzt wie zuvor", aber ein Grund zur Besorgnis ist das nicht. Schließlich werden im kommenden Jahr Haushalte und Unternehmen im Rahmen der Steuerreform um 45 Milliarden Mark entlastet. Das ist mehr als ein Prozent des BIP und wird Konsum wie Investitionen stimulieren. So liegen die Prognosen für 2001 zwischen 2,9 Prozent (Institut der deutschen Wirtschaft) und 2,4 Prozent (Kieler Institut für Weltwirtschaft), also allemal auf einem beachtlichen Niveau.

Angenehm auch diese Aussicht: Die Preise werden nach der Meinung der Experten nur mit Maßen steigen. Keine Spur von einer drohenden Lohn-Preis-Spirale, die maßvollen Tarifabschlüsse des zu Ende gehenden Jahres gelten größtenteils im kommenden Jahr weiter. Und wenn sich die Opec an ihre angekündigte Preisstrategie hält, dürften die Verbraucherpreise höchstens um 2 Prozent steigen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung wagt sogar eine Prognose von lediglich 1,4 Prozent. Schön wär's, denn dann hätte auch die Europäische Zentralbank, die 2000 sechsmal die Zinsen angehoben hat, kein plausibles Argument, um das Geld weiter zu verteuern.