Zum 20. Todestag erzählt Michael Kleeberg noch einmal die Geschichte Romain Garys, der zweimal den Goncourt-Preis erhielt, obwohl man ihn offiziell nur einmal im Leben bekommen darf. Das zweite Mal hatte unter dem Pseudonym Emile Ajar geschrieben. Wie abenteuerlich Garys Leben war, lesen Sie bei Kleeberg. Am Schluss sein Plädoyer: "Die Affäre Gary-Ajar ist das packendste Beispiel von literarisch produktiv gewordener Schizophrenie in der Literaturgeschichte. Während Garys und Ajars Werke in Frankreich Taschenbuch-Klassiker sind, ist das Werk beider in Deutschland so gut wie nicht zu haben. Jeder Autor geht nach seinem Tod durchs Fegefeuer. Diese Zeit sollte nun vorbei sein. Überstanden hat sie ein halbes Dutzend Romane, drei von Gary, drei von Ajar, die es verdient hätten, von einem guten Verlag endlich auch wieder den deutschen Lesern zugänglich gemacht zu werden."

Weitere Artikel: Ulf Erdmann Ziegler bespricht einen Band des Fotografen Andreas Magdanz über den ehemaligen Atombunker der Bundesregierung, der einst geheim gehalten wurde und nun abgewickelt wird. Rudolf Walther erzählt vom Fall des französischen Auschwitz-Leugners Jean-Paul Allard, der auch an einer deutschen Universität einmal einen Lehrauftrag bekam. Besprechungen gelten einer Retrospektive zum 100. Geburtstag des Surrealisten Yves Tanguy in der Staatsgalerie Stuttgart, einer Frankfurter "Fledermaus" und dem deutschen Film "Der Himmel kann warten".
 

Neue Zürcher Zeitung, 22.12.2000

Matthias Frehner hat die Kunstbiennale in Havanna ein paar Wochen nach den anderen westlichen Kritikern besucht und schildert ernüchternde Wirklichkeit: "Die vom Centro Wifredo Lam organisierte 'Bienal de la Habana' findet zum siebten Mal statt. Im Run um die nichtwestliche Kunst, die heute die Rolle der früheren Kunstzentren zu übernehmen beginnt, wird die Peripherie (Afrika, Südamerika, China, Indien, Kuba) zum Eldorado neu zu entdeckender Strömungen. Es ist in Tat und Wahrheit jedoch erst die Vorhut des Kunstpublikums, die in Castros Reich pilgert, denn Infrastruktur und Präsentation einer Drittwelt- Biennale bleiben meilenweit hinter den westlichen Standards zurück. So sind wir ein paar Wochen nach der Eröffnung vollkommen allein mit dem Heer der jungen Wärterinnen, die sich in jedem Saal erneut meist zu dritt auf jeden potenziellen Schokoladen- oder Zigarettenbesitzer werfen, es sei denn, sie halten gerade hinter einem der nicht laufenden Videomonitoren Siesta." Wenn die Monitore wenigsten laufen würden!

Ulrch M. Schmid porträtiert den in der Schweiz lebenden russischen Autor Michail Schischkin, der gerade den höchsten russischen Literaturpreis für seinen Roman "Die Eroberung von Ismael" erhalten hat. "Schischkins Prosa steht abseits des postmodernen Mainstreams, der die russische Literatur imletzten Jahrzehnt dominiert hat. Während Autoren wie Sorokin oder Pelewin existierende Schreibtraditionen bewusst zerstören, zielt Schischkin auf eine Aneignung und Weiterentwicklung der literarischen Tradition. Die russische Literaturgeschichte vergleicht er mit einem Baum, dessen Stamm von der slawischen Bibelübersetzung über die mittelalterlichen Chroniken in die grossen Romane von Turgenjew, Dostojewski und Tolstoi wächst und im 20. Jahrhundert eine verästelte Krone bildet. Autoren wie Platonow stellen dabei geniale, aber unproduktive Zweige dar. Seine eigenen literarischen Vorbilder erblickt Schischkin im Werk von Tschechow, Bunin, Nabokov und Sascha Sokolow."

Weitere Artikel: Georg M. Kühn berichtet über die Installierung Franz Xaver Ohnesorgs zum Intendanten der Berliner Philharmonier und Marc Zitzman hat sich während des Pariser Herbstes die dem italienischen Komponisten Salvatore Sciarrino gewidmet Konzertreihe angehört.
 

Die tagezeitung, 22.12.2000