DIE ZEIT: Herr Kluge, wie gut, wie schlecht ist unser Fernsehen?

ALEXANDER KLUGE: Es hat gute Zeiten, schlechte Zeiten. Nehmen wir einmal einen Samstagabend, irgendeinen, das Programm ist ja rhythmisch, also immer ähnlich. Nur vereinzelt gibt es Unterschiede. Es besteht im Oberhaus der Sender aus Mainstream. Da gibt es zum Beispiel den Grand Prix der guten Laune, Wetten, dass ...?, Big Brother. Sat.1 setzt Star Trek dagegen, eine populäre Serie, hat also kein Programm, das mit den großen Showblöcken der drei anderen Großen konkurrieren könnte. Im Unterhaus der Sender laufen Sexdramen und Filme. Das kostet nicht viel, stellt aber keine Opposition zu den großen Sendern dar. Um im Mainstream mitzuschwimmen, fehlen den kleineren Sendern die Zuschauer und damit das Geld. Bekämen sie beides, könnten auch sie vom erfolgreichen Schema nicht mehr abweichen. Es ginge ihnen wie den Dinosauriern: Sie wären von der Zukunft abgeschnitten.

ZEIT: Ist denn zu hoffen, dass unsere großen Fernsehanstalten auch einmal das Schicksal der Saurier trifft?

KLUGE: Noch nicht. Aber es gibt viele Menschen, die sich Mainstream-Programme nicht mehr ansehen.

ZEIT: Wie viele?

KLUGE: Ich schätze, mehr als ein Fünftel der Bevölkerung - immerhin mehr, als jeder einzelne Sender hat.

ZEIT: Kann davon ein Sender leben?