Zu dieser Zeit ist es am angenehmsten auf der Terrasse des Palazzos Dar Bellarj. Man blickt über die Dächer der schwach erleuchteten Stadt und lässt dem süßen Pfefferminztee, dem marokkanischen Whisky, einen marokkanischen Cabernet folgen. Am Horizont sticht phallisch die Koutoubia, die älteste Moschee der Stadt, in den Himmel, und der Rauch der Garküchen des Djemaa el Fna kriecht an ihren Mauern empor. Unten im Hof des Palazzos hustet Hassan, der Nachtwächter, ein älterer Mann mit den Falten eines Gebrüder-Grimm-Gesichtes, dessen Lungen im Dreiminutentakt gegen seine marokkanischen »Sports«-Zigaretten rebellieren.

Es ist in diesen Tagen, als ob Marrakesch an sich selbst zu ersticken droht. Eine Dunstglocke hat sich über die rote Stadt gestülpt, unter der sich sämtliche angenehmen und vor allem unangenehmen Gerüche drängen und täglich verdichten. Kaum ein Marrakschi, dem der Smog nicht die Nase laufen und ihn unentwegt husten lässt, kaum eine Apotheke, die nicht ein flottes Nebengeschäft mit großen Papiertaschentüchern tätigt. Unter der Glocke trocknet alles aus, und der sanddurchsetzte Wind, der die Stadt jeden Nachmittag pünktlich ab 16 Uhr heimsucht, legt auch die Nerven blank.

Die Dürre reizt. Es gibt in den labyrinthischen Gassen der Medina mehr Schlägereien und auf dem Djemaa el Fna, dem Hauptplatz der Stadt, auf dem einst die Herrscher der Stadt die Köpfe der Unnachgiebigen zur Schau stellten, beißt eine schwarze Kobra ihren Beschwörer tot. Draußen in der Neustadt, an der Ausfallstraße nach Rabat, liegt die Leiche eines Mannes neben einem Strauch. Jeden Tag berichten die Zeitungen eindringlicher von der Trockenheit, die droht, das arme Land noch ärmer werden zu lassen. Die Muezzins leiern das »allah u akbar« nur noch monoton herunter, und in den Moscheen beten die Männer fünfmal am Tag um den erlösenden Regen. In diesen Tagen meint es Allah anscheinend nicht gut mit der Stadt.

Vom Hamam, dem Dampfbad gegenüber, zieht Rauch auf die Terrasse des Palazzos, in dem eine Schweizer Galeristin die marokkanische Kultur fördert und ihr unaufdringliches Selbstbewusstsein und einen Hauch von Internationalität vermittelt. Für Reisende, die auf den Terrassen sitzen, sind Hamams ein Ärgernis. Man weiß nicht genau, was sie verbrennen, um ihre Öfen zu heizen, aber die Rußpartikel haften sich an die Garderobe wie die Stadtführer der Medina an Touristen. Da viele der 300 000 Bewohner der Medina kein Badezimmer haben, schwitzen sie und waschen sich in den Hamams.

Es gibt in dieser Stadt der Geschichten viele über die Hamams. Die wenigstens sind wahr. Marrakesch soll ein Eldorado für den homosexuellen Mann sein und die Hamams das, was die Saunen in den 70er Jahren für San Francisco waren. Reiseführer für Schwule berichten schon auf den ersten Seiten ohne Ironie, dass es in Marrakesch ähnlich leicht sei, zu einem Quickie zu kommen wie zu einer Cola light. Aber eine Cola light ist in Marrakesch seltener als ein Esel, der nicht aussieht, als ob er gleich unter der Last zusammenklappen würde.

Sogar die Armut mutet malerisch an

Natürlich zieht diese über den Atlas geworfene Perle des Südens von jeher bunte Vögel in Scharen an, die in diesem Reich der Farben ihre eigene Blässe übermalen oder ihren farbigen Existenzen ein optimales Umfeld geben wollen. Der Deutsche Hans-Werner Gerds ist so einer, Kunstmaler seit Jahrzehnten, immer mit weißem Schal und aufgeweichter Stimme, die klingt, wie ein zerkochtes Couscous schmeckt. Jean-Paul Gaultier soll einen Palazzo gekauft haben, und Yves Saint-Laurents Residenz, die einst dem Maler Jacques Majorelle gehörte und dessen Garten Saint-Laurent zu einem Märchenland umkomponiert hat, ist legendär.