Schon fast 10 Jahre steckt die japanische Wirtschaft in einer schweren Rezession. Die jährliche Wachstumsrate lag seit Beginn der neunziger Jahre bei durchschnittlich 1 Prozent. Die Arbeitslosigkeit hat 5 Prozent erreicht (und läge, würde nach westlichen Maßstäben gemessen, eher bei 6-8 Prozent). Das Prinzip der lebenslangen Anstellung ist ins Wanken geraten. Und dies ist noch nicht das ganze Elend.

Zum ersten hat die Regierung seit 1992 zehn Mammutprogramme zur Ankurbelung der Wirtschaft aufgelegt. Die Kosten waren gewaltig: 1.400 Milliarden Dollar; doch gebracht hat es so gut wie nichts – außer dass jedes Bachbett im Inselreich mittlerweile zwei oder drei mal betoniert worden ist und überall Straßen gebaut worden sind, die niemand braucht, und Brücken, die nirgendwohin führen. Dafür hat sich das Land eine enorme Staatsverschuldung aufgebürdet: Mit 140 Prozent eines Jahressozialprodukts ist Japan der Weltmeister im Schuldenmachen geworden. Rechnet man die Pensionslasten mit ein, für die der Staat geradezustehen hat, so liegt die Gesamtverschuldung sogar bei 200 Prozent. Die jährliche Neuverschuldung hat 7 bis 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreicht. Die Maastricht-Kriterien verfehlt Japan also bei weitem.

Zum zweiten: Das Banksystem ist marode. Mehrere Großbanken sind bankrott gegangen. Andere schließen sich zusammen – aber da Berge von faulen Krediten auf allen lasten, führen solche Fusionen von Schwachen auch nicht zur Entstehung starker Finanzinstitute. Und wiederum bezahlt der Staat die Zeche: Hunderte von Milliarden sind während der zurückliegenden Jahre in die Stützungsaktionen für das sieche Bankensystem geflossen.

Schließlich aber, und dies ist wohl das Schlimmste: Das politische System ist reformunfähig. Immobilismus ist Trumpf. Die seit 1957 herrschende Regierungspartei LDP verschleißt sich in Intrigen. Sie zersplittert in Fraktionen, die einander lahmlegen. Sie betreibt eine schamlose Klientelpolitik, bei der die Kumpanei oft bis zur regelrechten Korruption getrieben wird. Die Bauern und die Baufirmen werden dabei begünstigt, die Bewohner der Städte sträflich benachteiligt. Alle Reformansätze ersticken immer wieder im Filz der Cliquenwirtschaft. Doch der Immobilismus verbürgt keineswegs Stabilität. Seit 1989 hat das Land zehn Ministerpräsidenten kommen und gehen sehen. Bleibendes hat keiner von ihnen bewirkt.

Japan steht vor enormen Herausforderungen. Die Bevölkerung ergraut; bis 2050 wird sie von 127 Millionen auf womöglich nur noch 105 Millionen absinken. Auf das Kaiserreich wartet eine grundlegende Umstrukturierung – von der Güterproduktion zur IT-Ökonomie, von der sturen Paukgesellschaft zur beweglichen Wissensgesellschaft, vom homogenen Volk zum multi-ethnischen Zuwanderungsland. Doch weder in der Politik noch in der Verwaltung entsprechen die überkommenen Strukturen der Notwendigkeit radikalen Wandels.

Das "Eiserne Dreieck" von Politik, Bürokratie und Big Business, das Japan nach dem Zweiten Weltkrieg groß gemacht hat, funktioniert nicht mehr. Die Öffentlichkeit hat längst den Glauben an den Reformwillen der Politiker verloren; die Bürokraten haben in der Wirtschaftskrise ihre Vertrauenswürdigkeit und in vielerlei Skandalen ihren guten Ruf eingebüßt. Es fehlt nicht an Papieren über Japans Ziele im 21. Jahrhundert oder über Visionen der Zukunft, aber dahinter steckt keine Kraft, sie zu realisieren. Neue Kraftzentren müssen sich erst noch etablieren.

So kann es nicht Wunder nehmen, dass das Land der aufgehenden Sonne mit Bangen in das neue Jahrhundert blickt. Geht die Sonne vielleicht unter? Es ist kaum ein Jahrzehnt her, dass amerikanische Professoren den Japanern bescheinigten: "Bald werden sie die Ersten sein." Ezra Vogels Werk "Japan als Nummer Eins: Lehren für Amerika" machte damals Furore. Überall in der Welt herrschte Furcht vor der kommenden ökonomischen Vormachtstellung Nippons. Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Amerika genießt seit Jahren einen Boom sondergleichen, in Europa geht es aufwärts, Japan jedoch hat die Kurve zur Globalisierung noch nicht wirklich geschafft. Die amerikanischen Professoren betiteln ihre Japan-Bücher heute negativ: "Japan, das sauer gewordene System" oder "Die Hohlheit des japanischen Wohlstands". Furore macht neuerdings Michio Morishima, ein emeritierter Professor der Universität von Osaka, mit seinem Buch "Warum wird Japan zusammenbrechen?"