Die großen koreanischen Fernsehstationen hatten es nicht für nötig oder opportun gehalten, die Verleihungszeremonie aus der norwegischen Hauptstadt ungekürzt zu übertragen; nur ein kleiner Kabelkanal mochte sich zu einer vollständigen Übertragung verstehen. Die Popularitätsrate des einstigen Bürgerrechtlers ist seit dem Sommer dramatisch abgestürzt: von über 70 auf unter 30 Prozent. Als sich die Führungsfiguren seiner Demokratischen Millenniums-Partei dieser Tage auf den Märkten und in den Bezirksbüros unters Volk mischten, schallte ihnen nichts anderes als Unmutsäußerungen entgegen.

"Ich wünschte, der Präsident würde aufhören damit, dauernd über den Nobelpreis zu reden", zitierten die Zeitungen einen Bürger. "Wenn schon die Grundschüler anfangen, den Präsidenten und seine Regierung herunterzuputzen, dann ist etwas gründlich schief gegangen", klagte ein anderer, "man hört nicht auf das Volk." Händler lamentierten: "So schwer waren die Zeiten noch nie. Die Regierung müsste dringend etwas tun, damit wir alle wieder etwas zu beißen haben." Ein aufgebrachter Ortsvereinsfunktionär aber stöhnte: "Zu allermindest schuldet der Präsident uns eine Entschuldigung dafür, dass er das Land in eine solche Misere geführt hat". Wozu die JoongAng Ilbo, Südkoreas zweitgrößte Zeitung (die im Wahlkampf Kim Dae-Jungs Gegenspieler unterstützt hatte, aber von Anfang an nachdrücklicher als irgendein anderes Blatt für die Entspannung mit dem Norden eintrat) bissig anmerkte: "Die Kritik trifft in der Tat ins Schwarze."

Harsche Urteile für einen aufrechten Mann, der jahrelang in Haft saß, nachdem ihn der koreanische Geheimdienst in einer Nacht- und Nebelaktion aus Korea entführt hatte; für einen Vorkämpfer der Menschenrechte, der die Hochachtung der Welt errungen hat; für einen fünfundsiebzigjährigen Demokraten, der sich seinen Weg ins Blaue Haus, den Präsidentenpalast zu Seoul, hart erkämpfen musste. Heute muss er sich "unerträglichen Dilettantismus" vorwerfen lassen, Versagen vor den ökonomischen Herausforderungen nach der Finanzkrise von 1997/98, Halbherzigkeit seiner Reformpolitik, korrupte Cliquenwirtschaft und unfähiges Management. "Korea ist in einem Teufelskreis von Regierungsunfähigkeit, verrotteter Politik und Gruppenegoismus befangen", befand bitter Byun Sang-keun, einer der angesehensten Journalisten des Landes.

Drei Gründe sind es vor allem, die den Popularitätsverfall Kim Dae-Jungs bewirkt haben.

1. Die Wirtschaftslage. Die Aussichten für 2001 sind nicht rosig. Die Aktienkurse sind seit Anfang dieses Jahres um 40 Prozent gesunken. Das Wachstum, das nach der Krise schon wieder 7-8 Prozent erreicht hatte, wird im neuen Jahr 5-6 Prozent nicht übersteigen. Die Exportaussichten verdüstern sich angesichts des schwächelnden japanischen und des schwächer werdenden amerikanischen Marktes. Die Entwicklung der Löhne hinkt der Entwicklung des Nationaleinkommens weit hinterher, obwohl die Gewerkschaften auf unvernünftig hohe Abschlüsse drängen (15 Prozent bei 3 Prozent Inflation). Die Arbeitslosigkeit nimmt zu. Das Volk spart lieber (Sparquote: 32 Prozent), als dass es der lahmenden Konjunktur durch gesteigerte Ausgabenfreudigkeit auf die Beine hilft.

2. Der Reformstau. Die unerlässlichen Wirtschaftsreformen sind ins Stocken geraten. Beim Übergang von dem bisherigen staatsgarantierten Kapitalismus zur marktorientierten freien Wirtschaft kommt das Land nicht voran. Die Umstrukturierung des Bankensektors kostet den Staat Unsummen, packt das Übel jedoch noch nicht an der Wurzel. Zwar ist der Eigenkapitalanteil bei den Banken auf die weltweit üblichen 8 Prozent angehoben worden; auch sollen Kredite künftig nicht mehr nach Regierungsvorgaben, sondern nach Gesichtspunkten der Wirtschaftlichkeit vergeben werden. Aber der Übergang fällt schwer. Die Öffentlichkeit hat kein Vertrauen mehr zu den Kreditinstituten. Zu Tausenden lösen die Kunden ihre Konten auf; zehn Sparkassen haben in den beiden letzten Monaten ihre Pforten schließen müssen. Es fehlt an Kreditmanagern (loan officers) mit genügend Erfahrung und Wagemut, ohne staatliche Order zu handeln. Vor allen Dingen bleibt das gewaltige Problem der notleidenden Altkredite bisher ungelöst. Einige Großunternehmen – Daewoo allen voran – sind Pleite gegangen. Aber die zweieinhalb oder drei Dutzend chaebols, die großen Konglomerate des Landes, sträuben sich gegen ihre Verschlankung, Aufsplitterung, Umstrukturierung. So versickern weiterhin gewährte Kredite vielfach in einem unübersichtlichen Morast.

3. Immobilismus der Politik. Auch die politischen Reformen, die Kim Dae-Jung versprochen hat, kommen nicht voran. Er hat sich im Blauen Haus hinter einer Mauer von engen Beratern verschanzt, die das Land ziemlich selbstherrlich regieren. Das Kabinett spielt keine Rolle – Minister werden in schwindelerregendem Tempo ausgewechselt; viele von ihnen verschwinden in einer schwefligen Wolke des Skandals. Der Posten des Premierministers wird so oft neu besetzt, dass Autorität sich nicht entwickeln kann; selbst die politische Klasse merkt sich kaum noch die Namen. Die angekündigte Reform – ein Übergang vom Präsidialsystem zum parlamentarischen Kabinettssystem – lässt noch immer auf sich warten. Das Parlament spielt keine rühmliche Rolle. Prügeleien sind an der Tagesordnung. Im Januar paukte die Regierungskoalition 66 Gesetze binnen einer Viertelstunde durch; im Mai wurden sechs Gesetze in acht Minuten verabschiedet: Demokratie im Schnellwaschgang.