Während die europäischen Politiker in Nizza kreißten und eine Maus gebaren, war in Darmstadt bereits die Formel der Zukunft Europas gefunden worden: Bewahrung des vorhandenen "geistigen und materiellen Erbes" Deutschlands und Polens sowie dessen Einbringung "als Erbmasse in die Europäische Union ..., die ja, um Bestand zu haben, mehr als eine Wirtschafts- und Währungsunion sein muss". Mit dieser verblüffend schlichten Formel hatte die Kopernikus-Gruppe, ein Arbeitskreis polnischer sowie deutscher Experten und Wohlmeinender, zunächst allerdings weniger die Einheit Europas als die Verhandlungen zwischen beiden Staaten über die Rückführung von "Kulturgütern und Archivalien" wieder flott machen wollen. Ihr Vorschlag dafür kann zwar für sich in Anspruch nehmen, ein gewisses Medienrauschen erzeugt zu haben, besitzt aber den Charme einer Rosskur.

Bekanntlich fordert die polnische Seite schon seit langem die Rückführung der während des Krieges ins "Reich" verschleppten Kunstgegenstände und Archivalien, was grundsätzlich von deutscher Seite akzeptiert wird. Aber noch immer fehlt ein verbindlicher Überblick des Geraubten. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Mehrzahl der vermissten Kunstwerke unrettbar verloren ist. Umgekehrt ist die deutsche Forderung nach Rückführung der Berlinka, eines während des Krieges nach Schlesien ausgelagerten Teiles der Preußischen Staatsbibliothek, äußerst klar umrissen. Dieses etwa 300 000 Bände umfassende Konvolut aus wertvollen mittelalterlichen Handschriften, Autografen unter anderem Luthers, Goethes, Schillers und nicht zuletzt einer einzigartigen Musikaliensammlung gelangte durch Verschiebung der polnischen Westgrenze in die Obhut der Jagiellonen-Bibliothek in Krakau. Dort ist sie seit zwei Jahrzehnten wissenschaftlicher Benutzung zugänglich.

So weit, so nicht ganz schlecht. Aber Polen vermisst ernsthafte Recherchen in Deutschland, die deutsche Seite beharrt auf ihrem völkerrechtlich verbrieften Eigentumsrecht an der Berlinka. Da keine Seite sich bewegt, übernimmt dies nun die Kopernikus-Gruppe und bricht wie einst der alte Zieten verbaliter aus dem Busch: Wenn die Kostbarkeiten nicht in den Besitz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zurückkommen, kommt eben die Stiftung zu ihnen. Da Preußen "zu keiner Zeit ein auf das Gebiet des heutigen Deutschland beschränkter Nationalstaat war, sondern ein a-nationaler Territorialstaat, an dessen Erbe heute mehrere Nationen teilhaben", sei es kein Problem, die Stiftung mit einer Außenstelle Krakau zu versehen. Falls sich einige Politiker darüber doch verblüfft zeigen sollten, genügte es vielleicht auch - so die Rückzugslinie der Kopernikaner - die SPK in eine Stiftung "Mitteleuropäisches Kulturerbe" zu verwandeln, in die Polen und andere Länder eintreten könnten.

Preußen und Mitteleuropa - hier stellen sich doch leichte Beklemmungen ein. Der "a-nationale Territorialstaat" Preußen umfasste zu seinen "besten" Zeiten außer Polen Besitzungen in Belgien, Dänemark, Russland, Tschechien, Litauen, Weißrussland und der Schweiz. Man vermag sich leicht die Begeisterung vorstellen, mit der Neuchâtel der Stiftung Preußischer Kulturbesitz beitritt. Zugleich ist in dem Vorschlag der Kopernikus-Gruppe auch viel von "kulturellem Selbstverständnis und kultureller Identität" der beiden Nationen die Rede. Diese gelte es, in den einander anzunähernden "Kulturgütern" zu wahren, ja zu würdigen. Damit aber ist im Kontext Deutschland-Polen die Kuh eher auf dem als vom Eis.

Beide Staaten nämlich verbindet in der Tat eine anationale Geschichte - allerdings keine territoriale, sondern eine sehr viel beziehungsreichere dynastische: die sächsisch-polnische Union (1697-1763; 1807-14), gefolgt von den antipreußisch stimulierten Polenhifsvereinen im Sachsen der frühen dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts. Vor nicht allzu langer Zeit hat eine splendide Ausstellung in Dresden und Warschau diese Beziehungen thematisiert (Unter einer Krone, ZEIT Nr. 51/97). Welcher europäische Deckel, um den es ja in diesem und einer ganzen Reihe anderer "Europäisierungsprozesse" schlussendlich geht, deckelt eigentlich welche Nationalkultur und entsprechende Identitäten, um die es nicht nur der Kopernikus-Gruppe in so emphatischer Weise zu tun ist?

Polen soll in die Stiftung Preußischer Kulturbesitz