Deutsche Wurst

Einen äußerst kritischen Weihnachtsgruß erhält Andrea Fischer heute von einem Kommentator der "Frankfurter Rundschau", der BSE in "Blauäugig, scheinheilig, elend" ausbuchstabiert und damit die Ministerin für ausreichend beschrieben hält. Blauäugig: "Drei Tage lang (...) versuchten Sie uns weiszumachen, alte Wurst in deutschen Läden enthalte nichts Riskantes – selbst als Ihr Ministerium selbst vor dem Gegenteil gewarnt war, und selbst als ein Ernährungsexperte neben Ihnen saß und dies erläuterte." Scheinheilig: "Da fragten Sie sich doch am Dienstag öffentlich, 'warum Tierfutter nicht schon früher stärker untersucht' worden sei auf seit 1994 verbotene Beimengungen von Tiermehl", dabei hätte es schon seit 1995 diesbezügliche Meldungen gegeben. Und elend: "Vielleicht überlegen Sie sich einmal, wie eine Ministerin auf uns Verbraucher wirkt, der solche Dinge unterlaufen – wo sie doch nicht etwa für den Schutz der Fleischindustrie zuständig ist, sondern dem Schutz der Gesundheit verpflichtet sein sollte. Daran zu spät zu denken, Frau Fischer, das ist elend." Solche Lamentationen, die sich der anscheinend unmündigen Stimme des Volkes bedienen und bei Krisen reflexartig nach den Schuldigen da oben suchen, kommen "taz"-Kommentator Matthias Urbach zufolge zu spät, denn: "Das Rind ist schon gegessen". Das Problem sei seit Jahren bekannt, Warnungen gab es genug, viele Verbraucher strichen Rind aus dem Speiseplan - doch die guten Vorsätze halten meist nicht ewig. "Mancher hat vielleicht ein Jahr auf Rind verzichtet, macher zwei - und ging dann wieder zur Tagesordnung über." Inzwischen gebe es den BSE-Test und nachweislich verseuchte Rinder, von denen nach Schätzungen "5.000 bis 10.000" verzehrt worden sind. In einer solchen Situation macht es für Urbach keinen Sinn, ob "möglicherweise infektiöse Wurst nun eine Woche früher oder später aus dem Verkehr gezogen wird, nachdem wir sie mehr als zehn Jahre gegessen haben." Wichtiger wäre es derzeit, die "augenblickliche Hysterie" zu bannen, koordiniert vorzugehen und Sachverstand aus Großbritannien hinzuziehen. "Denn die vielen (...) noch offenen Fragen sollten einen stärker beunruhigen als das bisschen Separatorenfleisch, das noch übrig ist aus der Zeit, als das Abschaben von Wirbelsäulen noch nicht verboten war."

US-Wirtschaft

Alan Greenspan spricht, und es ward Licht - und manchmal eben auch Dunkelheit. Reagierte die Börse vor zwei Wochen noch erwartungsgemäß positiv auf die Andeutungen des amerikanischen Notenbankchefs, bald die Zinsen zu senken, rückt nach seinen neuerlichen Äußerungen seine andere Botschaft ins Rampenlicht, "die Greenspan ebenfalls bereits vor Wochen intoniert hatte und nun für seine Verhältnisse bedrohlich zuspitzte: die Sorge vor den Folgen des zu Ende gehenden neunjährigen Wachstums in den USA." In seinem Leitartikel in der "Süddeutschen Zeitung" sieht Marc Beise die Schuld für die vielen Börsenpleiten vor allem bei unseriösen Analysten und Beratern, die wesentlich zur Aufblähung der Riesen-Seifenblase New Economy beigetragen haben. In einer Phase weltweit verlangsamten Wachstums, "befinden sich ausgerechnet jene Firmen, die als Motor der Neuen Wirtschaft galten und die Kurse so atemberaubend nach oben getrieben haben, in einer denkbar schlechten Verfassung." Sorgt sich Beise vornehmlich um den geprellten Kleinanleger, hegt Rainer Hank im "Tagesspiegel" auch Mitleid für den zukünftigen Präsident der USA: "George W. Bush hätte sich einen komfortableren Start seiner Regierungszeit gewünscht." Er habe das Pech, am Beginn einer konjunkturschwachen Phase ins Amt zu treten, während unter Clinton "die Vereinigten Staaten ein robustes Wachstum erlebten wie seit hundert Jahren nicht" - allerdings kein Verdienst des scheidenden Demokraten. "Den Motor der Boomjahre brachten die Erfinder, Unternehmer und Financiers des Silicon Valley. Die Rahmenbedingungen - Privatisierung und Deregulierung - hat Clinton vom Vorvorgänger Ronald Reagan geerbt." Doch solcherlei Spitzfindigkeiten kommen Bush nicht zugute: "Wähler neigen dazu, wirtschaftliche Schwankungen der jeweiligen Regierung zuzuschreiben." Woraus man schließen kann, dass Aktienkurse und Currywürste doch so einiges gemein haben.

ausgewertet: FAZ, FR, SZ, Welt, Bild, Tagesspiegel, taz, Handelsblatt

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