Ein Traumtänzer ist Luce keineswegs, sondern ein nüchterner Wissenschaftler, der die neuesten Erkenntnisse aus Archäologie, Geophysik und klassischer Philologie verarbeitet und seine Befunde in aller gebotenen Detailfreude (manchmal freilich mit übertrieben umständlicher Akribie) darlegt. Aber dieser Kenntnisreichtum paart sich mit dem Engagement eines Überzeugungstäters. Luce hat viele "feste Überzeugungen", etwa die, Homer sei ein weit gereister fahrender Sänger gewesen, dessen "scharfes Auge" einen genauen und umfassenden Eindruck der Landschaften mit nach Hause genommen habe.

Die Bildungsbürger unter uns müssen da stutzen. War denn Homer nicht blind? Luce sieht diesen Einwand voraus und entkräftet ihn: Er sammelt Indizien, dass die Blindheit den Dichter erst im Alter geschlagen habe. Überhaupt ist Luce ein findiger Spurensucher, der literarische Zeugnisse ebenso geschickt zu lesen versteht wie Geländeformationen und militärische Schlachtenpläne. Er braucht gar nicht lange, um uns zu überzeugen, Homer sei in der Tat zu literarischen Recherchen nach Ithaka und Troja gereist und habe alle topografischen Gegebenheiten genauestens verzeichnet. Wo bisherige Kommentatoren Unstimmigkeiten sehen und meinen, Homer habe bloß vorhandene Quellen abgeschrieben und den Rest dazufantasiert, kann Luce das mit neuen Funden zur Veränderung der Küstenlinie am Hellespont kontern. Alles sei "beeindruckend authentisch" und "geographisch plausibel gestaltet", und Luce findet bei Troja sogar Unterholz, wo Homer es beschreibt, und auf Ithaka einen alten Fußpfad, den Odysseus benutzte. "Leider sah ich nirgends die Krokusse und Hyazynthen, die Homer mich hatte erwarten lassen."

Der Homer der Wanderjahre war offensichtlich nicht blind, sondern mit einem geradezu kartografischen Auge ausgestattet: Zu Zeiten, da es noch gar keine Landkarten gab, entwarf Homer mit fotografischem Gedächtnis in Worten die Totale einer Landschaft, zoomte anschließend auf die Details seiner Schauplätze und ließ dort die Helden agieren. Mit dem Buch von Luce in der Hand ist es uns nun ein Leichtes, diesen Helden nachzureisen und die antiken Verse an Ort und Stelle mit Weltstoff zu füllen. "Die Landschaft hat sich seit den Tagen Homers kaum verändert", das zeigt Luce in kundigem Wort und anregendem Bild. In der Begeisterung vor Ort vergisst er dann auch schon mal die Nüchternheit des Wissenschaftlers. "Ich sehe den Dichter vor mir, wie er zustimmend nickt, während er die Szenerie überblickt" - wer wollte wohl noch zweifeln, wenn ein Homer nickt? Schade nur, dass sich die topografische Authentizität auf Ithaka und Troja beschränkt. Mit den Irrfahrten des Odysseus sei der Sänger "hinausgesegelt in Regionen, die allein Homers Vorstellungskraft entspringen", das muss auch John V. Luce zugeben. Aber ist nicht das der eigentliche Reiz literarischer Reisen, dass sich begehbare Landschaften und imaginäre Dreingaben zu einer neuen Welt verschränken?

Die Landschaften Homers
John v. Luce
Aus dem Englischen von Karin Schuler
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2000
294 S., Abb., Karten, 48,- DM

Zur weiteren Lektüre:

Uvo Hölscher:
Die Odyssee - Epos zwischen Märchen und Roman
C. H. Beck Verlag, München 2000
360 S., 29,90 DM

Heinrich Schliemann:
Auf den Spuren Homers - Entdeckungen und Abenteuer eines Archäologen
Edition Erdmann im Thienemanns Verlag, Stuttgart 2000
352 S., 42,- DM