Das schöne an der Politik ist die Inspektion ihrer tückischen Waffen. Das harmloseste ist noch das berühmte "zweischneidige Schwert"; im wörtlichen Sinne gefährdet es allein den Gegner, und zwar auf doppelte Weise, nur bei unsachgemäßem Gebrauch auch den sprichwörtlichen Besitzer. Sodann gibt es amphibische Waffensysteme, sie funktionieren einmal zu Lande, ein andermal zu Wasser - einmal so herum, ein anderes Mal (wenn es die geänderte Argumentations- und Gefechtslage erfordert) eben anders herum. Dann gibt es die Schüsse, die nach hinten (selten: nach hinten und nach vorne) losgehen. Am schönsten aber sind die Waffen des politischen Anstandes, die ihren eigentlichen Zweck verdecken. Wie zum Beispiel die Aufforderung, Westerwelle müsse anständigerweise als Generalsekretär zurücktreten, wenn er sich mit dem Gedanken trage, gegen Gerhardt anzutreten - und könne nur bleiben, wenn er diese Ambition schon jetzt eindeutig ausschließe.

Das Argumentation ist zum einen vollkommen richtig und schlechterdings unabweisbar. Nur ist das allenfalls der Grund, aber nicht das Motiv, aus dem sie ins Feld geführt wird. Die Interpellanten Westerwelles wollen ja nicht verhindern, dass der Generalsekretär den amtierenden Vorsitzenden hintergeht, sondern ihn vielmehr beim dem Versuch stoppen, sich stiekum gegenüber dem anderen potentiellen Gegenkandidaten Gerhardts, also gegenüber Jürgen Möllemann, einen Startvorteil auszubaggern, ohne sich zu einer Kandidatur bekennen zu müssen. Immerhin kommen Lambsdorff wie Baum wie Möllemann aus dem Landesverband Nordrhein-Westfalen; das verbindet - nur dass auch Westerwelle von dort kommt.

Wollten Sie nämlich wirklich nur Gerhardt unter die Arme greifen, brauchten sie nur zu fordern und zu bekennen: Wir wollen uns alten Wolfgang weiter haben. Das aber tun sie wohlweislich nicht. So treiben sie also kaum etwas anderes als ihr Westerwelle auch: Unter dem Absingen loyaler Lieder bereiten sie Gerhardts Sturz vor - nur dass sie andere Vorstellungen über die Nachfolge haben - und dazu ein unschlagbares Argument.

Fällt aber Westerwelle auf ihr Argument herein (und was soll er schon anderes machen?), dann muss er bald und als erster seinen Hut formell in den Ring werfen, sich als potentieller und ambitionierter Königsmörder outen - und damit Möllemann einen schönen Gefallen tun. Der kann nämlich anschließend sagen: Ich wollte ja, dass Gerhardt wieder Vorsitzender wird (und irgendjemand anderer - wer wohl? - Kanzlerkandidat); aber wenn Westerwelle ihn schnöde herausfordert, muss ich ihm leider, leider in den Weg treten.

Ja, Politik ist schön - und manchmal besonders der "Aufstand der Anständigen". Oder war es der "Anstand der Aufständigen"? Man kommt ja ganz durcheinander …