Was lernen wir daraus? Außer dass wir an die hübsche Geschichte erinnert werden, in der eine Familie ein paar Tage vor Weihnachten einen lebenden Karpfen kauft, ihn in der heimischen Badewanne zwischenlagert – und es am Heiligen Abend nicht übers Herz, ach: über ihre vielen Herzen bringt, ihn einfach todzuschlitzen. Und wenn er nicht gestorben ist, schwimmt er noch heute…

Wir lernen daraus erst einmal dieses: Ein Filet auf dem Teller ist lecker, aber rein animalisch abstrakt; man sieht das Rind oder Schwein nicht vor sich, dem es via Tötung entnommen wurde. Wenn aber ein jeder, das Tier, das er fressen möchte, eigenhändig umbringen müsste, stiege die Zahl der Vegetarier erheblich. Jeder hätte irgendwo eine Sau im Keller oder in der Garage zu stehen, weil ihm im entscheidenden Augenblick die Axt in der Hand zu Boden sank.

Sodann: Auch unsere Vorfahren aßen, wenn sie es denn bezahlen konnten, Fleisch und Wurst – und stachen dazu die Sau ab; wir mussten als Kinder am Schlachttag allerdings immer auf die andere Seite des Hauses, damit wir das Mordspektakel und das Todesangstgeschrei des armen Viechs nicht mitbekamen. Aber die Notwendigkeit, selber zu töten, was man essen wollte, hat selbst den mörderischen Umgang mit den Tieren irgendwie zivilisiert – und das Schlachten auf das einigermaßen Notwendige beschränkt. Erst der Wohlstand und das Verlagern des Schlachtens in durchrationalisierte Fabriken (sowie die Öffnung der europäischen – und außereuropäischen – Fleisch- und Frachtmärke) haben den Vorgang des Tier-Tötens so weit aus unserer eigenen Lebenswelt abgezogen (also im Wortsinne: abstrahiert), dass er in fast jeder Hinsicht entgrenzt wurde. Je weniger wir den Tod der Tiere erleben, desto willkürlicher und massenhafter (und zuweilen: ekelhafter) wird er organisiert; auch der weite, quälerische Weg dorthin.

BSE, meine lieben Leser, ist schlimm. Aber irgendwie regt sich der kleine Bauernsohn, der ich früher war, in mir und sagt sich: Auch diese Seuche ist letztlich eine Fernwirkung der inhumanen Abstraktion des Schlachtens – und des entgrenzten Massenverzehrs. Uns tut das nicht gut, den Tieren auch nicht. Nur Doretta lebt weiter, es werden ihr zur artgerechten Haltung zwei, drei Gänse beigesellt. Aber handeln wir selber eigentlich artgerecht? Wie würde Doretta votieren, wenn sie darüber abstimmen dürfte?