Roland Koch hatte uns also im Januar 2000 folgendes versprochen: eine "brutalstmögliche" Aufklärung der hessischen Abteilung der CDU-Parteispendenaffäre. (Dass dieses Wort eine Neuschöpfung darstellt, erkennt man schon daran, dass mein Rechtschreibeprogramm es einfach nicht erkennen will und es deshalb rot unterkringelt.) Wenn der Mensch zum Superlativ greift, muss man grundsätzlich vorsichtig werden. Entweder nimmt er ihn sofort wieder zurück. "Theodor Oberländer war wohl der umstrittenste Politiker der jungen Bundesrepublik", lese ich heute morgen im geschätzten liberalen Blatt aus München. War er nun, der Oberländer - oder war er (wohl) nicht? Aber das sind die eher einfachen Fälle - die grammatisch unechten Superlative. Schlimmer sind die echten: "brutalstmöglich" - und das in Verbindung mit Aufklärung. Aufklärung selber ist an und für sich gar nicht brutal, sondern einfach nur erhellend, sanft, gewissermaßen, weil Wahrheit Wahrheit wirkt. Brutal könnte ja eigentlich nur die Sanktion sein, die auf die Erhellung der Wahrheit folgt. Aber Koch wollte weder Wahrheit noch Sanktion, sondern einfach nur: Ministerpräsident bleiben. Was aber macht man, wenn man den Pelz waschen, aber ihn nicht nass machen will, wenn man sogar lieber - umgekehrt - eher seinen Pelz nass machen, als ihn tatsächlich waschen will? Man greift zum Superlativ, und zwar brutalstmöglich. Und so wissen wir am Ende dieses Jahres - jedenfalls soweit es auf die Anstrengungen Roland Kochs ankommt - auch nicht mehr als am Anfang.

Deshalb also steht das Wort des Jahres fest. Denn jetzt wissen wir immerhin mehr über Roland Koch!

Und das Un-Wort des Jahres? Auch hier steht die Wahl fest - wie jedes Jahr: Das "Unwort" selber. Nicht nur, dass es sich dabei doch regelmäßig um nichts anderes als ein Wort handelt. Die Angewohnheit, durch die willkürliche Vorsilbe "Un-" etwas als (lebens-)unwert oder als lesens-unwert oder jemanden als Un-Mensch erscheinen zu lassen - diese schlechte Angewohnheit stammt, wie man früher noch korrekt zitierend zu sagen imstande war, aus dem "Wörterbuch des Unmenschen" - bei Victor Klemperer war es das "LTI", die Sprache des Dritten Reiches. Dabei soll es auch bleiben.

Und morgen? Das Thema des Jahres!