FRAGE: Herr Bundespräsident, das Land scheint am Ende dieses Jahres tief verunsichert und gespalten. Demonstrationen gegen rechte Gewalt münden immer häufiger in Auseinandersetzungen zwischen gewaltbereiten Linken und Rechten. Die Tatsache, dass es im Osten des Landes häufiger als im Westen ausländerfeindliche Exzesse gibt, hat Vorurteilen auf beiden Seiten neue Nahrung gegeben. Stimmt denn aus Ihrer Sicht der Befund, dass Deutschland im zehnten Jahr der deutschen Einheit ein verunsichertes, ein gespaltenes Land ist?

RAU: Wir Deutschen haben die Eigenart, in bestimmten Intervallen über uns nachzudenken und über uns selber zu reden. Das war Anfang der siebziger Jahre so; da geschah das auf dem Hintergrund der Ostpolitik. Jetzt geschieht es auf dem Hintergrund des zehnjährigen Existierens der deutschen Einheit und der Einsicht, dass diese Einheit innerlich noch nicht ganz gelungen ist. Trotzdem warne ich davor zu glauben, es sei alles wie vor zehn Jahren. Wir sind ein gutes Stück vorangekommen, gerade auch in den neuen Ländern. Aber wir haben in den neuen Ländern nicht wie in Westdeutschland eine Phase der Adaptation gehabt, der ‘politischen Umerziehung’, wie wir sie durch Besatzungsmächte in den westlichen Ländern erlebt haben. Und wir haben in den neuen Ländern einen starken Anteil der jungen Generation, der ohne Perspektive ist oder zu sein scheint. Dazu kommt, dass der Anteil der Ausländer in den neuen Ländern ganz gering ist, aber beträchtlich höher als vor der Einheit. Er liegt zwischen 1,8 und 2,3 Prozent...

FRAGE: ...immer noch deutlich geringer als in den westlichen Bundesländern...!

RAU: ...deutlich geringer als in den westlichen Ländern! Aber offenbar schafft das Verunsicherung - auch angesichts der Tatsache, dass doch manche der Jüngeren, die sich zu den Leistungsträgern zählen, weggehen aus den neuen Ländern. Darum ist für mich wichtig, dass in den neuen Ländern Mittelstand entsteht, dass Gewerbe entsteht, dass nicht nur Großindustrie das Sagen hat. Und das ist kein Ereignis, das man in ein oder zwei Jahren schaffen kann. Dennoch warne ich davor zu glauben, die ausländerfeindlichen Übergriffe seien in den neuen Ländern wesentlich stärker als in den westlichen. Solingen liegt nicht in den neuen Ländern, Mölln auch nicht. Aber Hoyerswerda und Magdeburg und alle möglichen Städte. Das ist aber eine Frage auch der Vermittlung. Mein Eindruck ist nicht, dass die Gewaltbereitschaft im Osten stärker ist als im Westen, sondern mein Eindruck ist, dass wir die Ächtung der Gewalt nicht geschafft haben. Und das hängt zusammen mit den Medien, mit dem Fernsehen, nicht nur mit den privaten Sendern, aber auch mit denen, und damit, dass Gewalt offenbar zum Kavaliersdelikt zu werden scheint. Davor muss ich dringend warnen.

FRAGE: Wir hatten im zu Ende gehenden Jahr Fälle von Gewalt sowohl im Osten wie im Westen. Der Tod des sechsjährigen Joseph in Sebnitz wie auch der Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge wurden allerdings voreilig Rechtsextremisten oder Neonazis zur Last gelegt. Setzt moralische Empörung hier zu Lande allzu leicht politische Besonnenheit außer Kraft?

RAU: Jedenfalls sind wir alle in der Gefahr, zu schnell Verhaltensmuster zu haben und als Begründung zu liefern. Denn bei dem Düsseldorfer Geschehen kann man nicht einfach sagen: Es war nichts Rechtsradikales. Es war nicht deutscher Rechtsradikalismus, sondern es war ein offenbar antiisraelischer Anschlag, der durchaus antisemitische Tendenz gehabt hat oder gehabt haben kann. Bei Sebnitz glaube ich, dass wir einfach den tiefen Schmerz einer Mutter bedenken müssen, die ein sechsjähriges Kind verliert und die Unklarheit in manchen Ermittlungsschritten, die dann dazu geführt hat, dass manche publizistischen Organe vorschnell ein Verhaltensmuster publiziert haben, in das sich dann politische Äußerungen hinein packen ließen. Das war sicher falsch - auch wenn man heute das Ergebnis der Ermittlungen noch gar nicht kennt.

FRAGE: Es hat bei der Presse dann auch sehr viel Selbstkritik gegeben.