Washington

Bei Dean Acheson wären sie schon durchgefallen. "Staatsmänner müssen langweilig sein", forderte einst der Mentor der amerikanischen Außenpolitik. Doch genau das sind die beiden weltpolitischen Stars der neuen Bush-Regierung nicht. Im Gegenteil.

Sie sehen schon erfrischend ungewohnt aus: Beide sind schwarz, die eine ist zudem noch weiblich und jung. Von den Medien werden sie mit Superlativen jeder Art überschüttet. Schlagzeilen wie "Rockstar der Politik", "Rasante Aufsteigerin", "Krieger mit Charme" oder "Superstar" erzählen von einer kleinen Sensation: Ausgerechnet ein republikanischer Präsident hat den Mut, die 45-jährige Condoleezza Rice zu seiner Sicherheitsberaterin und den 63-jährigen Colin Powell zum Chef des State Department zu küren. Zum ersten Mal in der Geschichte wird die Außenpolitik der USA also von zwei people of color repräsentiert werden. Deutlicher kann man den Start einer neuen Regierung nicht machen.

"Das Beste, was man über George W. Bush sagen kann, ist, dass er über die Welt nachgedacht hat. Er hat aber entschieden, dass wir uns immer noch im Jahre 1980 befinden, und deswegen will er die Probleme aus der Zeit, in der sein Vater Präsident war, mit dessen alten Beratern lösen." So weit der despektierliche Kommentar des New York Times-Kolumnisten Thomas L. Friedman, als beide vor Monaten erstmals als mögliche Minister genannt wurden. Rice und Powell gehören in der Tat schon eine ganze Weile zum Club. Rice war als junge Beraterin von Vater Bush für die Beziehungen zu Russland zuständig und spielte deshalb eine zentrale Rolle in der Diplomatie der deutschen Wiedervereinigung. Powell hat als oberster Militärchef nicht nur unter den Präsidenten Reagan, Bush und Clinton gedient. Er ist derzeit auch der berühmteste Exgeneral der USA - und so beliebt, dass außer Briefmarken, Medaillen und Kappen sogar eine GI-Joe-Figur, eine Soldatenpuppe, mit seinen Gesichtszügen verkauft wird. Wie Vizepräsident Dick Cheney und die meisten anderen designierten Berater des Präsidenten gehören die beiden zu den "Bushies", dem kleinen Trupp erwiesener und treuer Freunde der Familie. Kein Wunder also, dass manche Beobachter statt eines Aufbruchs eher ein Vorwärts in die Vergangenheit befürchten.

Globale Ordnungen? Ein Modethema der Clinton-Zeit

Condoleezza Rice kennt den Generalverdacht, unter dem sie und ihre Kollegen stehen. Sie wehrt sich heftig gegen ein solches Urteil, sieht sie doch eher zupackende Reformer am Werk, die Alternativen gegen die Konzeptionslosigkeit der Clinton-Regierung entwickeln und die Außenpolitik von vielem neumodischen Firlefanz befreien werden. Globale Umweltpolitik? Neue Weltfinanzordnung? Schaffung internationaler Rechtssysteme? Für Rice sind das Modethemen der Clinton-Zeit, die die klassische Außenpolitik nur "konfus" gemacht haben. Und noch etwas will sie ändern: Zu häufig und zu schnell habe Amerika in der Vergangenheit Soldaten in Krisenherde dieser Welt geschickt. George W. Bush schrieb sie daher den programmatischen Satz in das Manuskript seiner wichtigsten außenpolitischen Rede: "Der Einsatz unseres Militärs kann nicht die Antwort auf jede schwierige außenpolitische Situation sein."

Um Rices Weltanschauung - und auch die von Powell - zu verstehen, hilft ein Blick auf die Biografien. "Condi" Rice und Colin Powell verkörpern jeweils auf ihre Weise den amerikanischen Traum, den Glauben, dass jeder es mit Fleiß und Geschick schaffen kann. Beide stammen aus Mittelschichtfamilien, beide wuchsen in der Zeit der Rassentrennung auf: Colin Powell als Sohn jamaikanischer Einwanderer in der South Bronx von New York, Condi Rice als Tochter zweier Lehrer in Birmingham, Alabama. Während der ehrgeizige Powell im Militär den Aufstieg schaffte, wurde Rice bereits mit 26 Jahren Professorin an der Stanford-Universität in Kalifornien. Es ist bezeichnend, dass keiner von beiden eine große Affinität zur Bürgerrechtsbewegung und damit den Demokraten hatte - sie haben Politik nie als ein kollektives Mittel zur Verbesserung der individuellen Situation betrieben. Ihren Weg nach oben erkämpften sie allein und traten dann eher durch die Hintertür auf die politische Bühne. Nicht getragen vom Protest gegen das Establishment, sondern geprägt von zähem Aufstiegswillen, bewiesen sie eine hohe Anpassungsbereitschaft.