Am 24. Dezember treffen sich also aktuelle und abgelegte Ehepartner bei Lieselotte, so heißt Katharinas Mutter. Alle Blondinen sind auch da, zum Teil mit Freundinnen, zum Teil mit Freund. Katharina ist ja auch blond, und ich war ihr Freund und eben dabei. Alle sitzen um einen großen Tisch herum und plaudern über ihre gescheiterten Ehen, dazu gibt's Spitzenrotwein, und Lieselotte serviert viel zu viel Essen, zum Beispiel immer wieder diese zähe Gans vom Bio-Bauern. Dann erzählt sie, dass sie die noch persönlich gekannt hat und wie die Gans hieß und wer am Telefon war, als sie die Gans im Ofen vergaß. Alle beteuern, wie gut sie dennoch schmeckt, lassen sie auf den Tellern liegen und warten auf den Nachtisch, das Marzipaneis. Das ist ihr immer sehr gut gelungen.

Während des Essens plaudern alle, ich teste ein paar Witze und flirte ein bisschen mit Katharina, ihren Schwestern, Cousinen und, ja, auch mit ihrer Mutter. Alle mögen mich da gern und lachen über meine Gags. Das gefällt mir! Außerdem gefällt mir, wie lässig die miteinander umgehen. Kein Groll auf den Ex, keine Eifersucht auf die Neue. So muss es laufen. Wir sind in Bayern, draußen schneit's also. Die Kirche lassen wir ausfallen, das ist gut. Mit meiner protestantischen Mutter muss ich mich nämlich anschließend über die Predigt unterhalten ("Letztes Jahr hat mir das besser gefallen. Sie ist noch ein bisschen jung und unsicher" et cetera). Jetzt gibt's die Bescherung. Jeder drückt jedem ein paar Pakete in die Hand. Fast alles, was Katharina bekommt, zum Beispiel der Staubsauger, ist auch für mich. Sehr nett.

Besonders gespannt bin ich auf die Geschenke, die mir Katharinas Schwestern machen. Wie ihnen diese demonstrative Unverfänglichkeit doch immer gelingt. Unterwäsche? Okay, aber keinen Slip. Socken! Da schläft die Eifersucht der Katharina ruhig weiter. Die kennen ihre Schwester. Jetzt fällt mir auch die alte Tante auf, die da im Sessel sitzt. Die ist über 90 und will alles erklärt haben und ist natürlich schwerhörig und wohl mit irgendwem oder sogar allen im Raum verwandt. Die ist nicht unwichtig. Sollte in mir mal das Gefühl aufkeimen, nicht zur Familie zu gehören, weil ich schon seit 15 Minuten niemanden zum Reden hab und ein bisschen doof schweigend am Rand sitze - dann quatsch ich einfach mit der. Ein strategisch guter Bescherungsplatz sollte also in Tante Annis Nähe sein.

Langsam geht das hier zu Ende, Katharina und ich wollen los. Diese Mitteilung macht angenehmerweise Katharina, da muss ich mich mit der familiären Gegenwehr ("Was? Schon?") nicht herumschlagen. Angesoffen durch den Schnee zum Auto, große Verabschiedung. Ich bekomme noch eine Flasche Rotwein zugesteckt. Das Verladen der Geschenke ins Auto hat so was von raffgieriger Beutesicherung, das machen wir lieber morgen. Mit dem Auto nach München, ein bisschen geht's durch einen verschneiten Wald. Draußen ist es saukalt, drinnen ein bisschen überheizt. Weihnachten! Ach! Jetzt sind wir in unserer Wohnung, haben eventuell Sex, schenken uns was und gehen dann aus. Und da treffen wir Freunde, mit denen betrinken wir uns. Hier und da kriegt man eventuell noch ein kleines Geschenk zugesteckt, mitten in einem Club, auf der Tanzfläche, von einem beinahe Unbekannten. Am nächsten Nachmittag, dem ersten Weihnachtsnachmittag, taucht man gegen 17 Uhr wieder bei Lieselotte auf und mümmelt ein bisschen an den Brunchresten herum. Spitzenweihnachtsfeste waren das! Schlussmachen mit Katharina im Winter, das war unmöglich.

Schöne Bescherung - im Intercity-Hotel

Also haben wir uns dann irgendwann im Sommer getrennt, und ich bin nach Köln gezogen. Seitdem ist Weihnachten ein schwieriges Thema für mich. Einfach weiterhin zu Lieselotte fahren? Ich wäre der einzige abgelegte Lover einer eventuell nicht mal selbst anwesenden Blondine. Alle anderen Expartner dort waren ja auch mal wenigstens 20 Jahre verheiratet. Außerdem wohne ich ja nicht mehr in der Nähe, sondern in Köln. Und man gesteht Exfreundinnen ja auch ungern, das irgendwas im eigenen Leben seit der Trennung nicht mehr so gut läuft, schon gar nicht so etwas Intimes wie Weihnachten.

In Köln waren meine Weihnachtserlebnisse eher strange . Einmal bin ich mit dem jetzigen MTV-Moderator Markus Kafka in seinem alten Jaguar von Köln nach München gefahren. Die Klimaanlage war kaputt, und daher kam nur eiskalte Luft aus den Düsen im Fußraum. Zum Glück gab es wenigstens aus den oberen Düsen Wärme. Trotzdem war's ein bisschen unbequem, sieben Stunden mit den Beinen nach oben. Markus konnte nur ein Bein nach oben nehmen, mit dem anderen musste er ja das Gaspedal bedienen. Seitdem humpelt er. Ich hatte viele Flaschen Wein und Champagner dabei, die waren meine Eintrittsmitbringsel für diverse Privatpartys, die ich in München besuchen wollte. Einen Großteil davon haben Markus und ich dann allerdings auf der Fahrt schon getrunken. Selbstverständlich führten wir auch tolle Gespräche über Weihnachten, Frauen, Musik und so. Leider wohnen Markus' Eltern nicht ganz in München, und so fuhr ich sturzbesoffen den Rest mit einem ziemlich leeren Nahverkehrszug.