Im HipHop geht es darum, wer real ist. Real kann sein, wer neu dabei ist und deshalb noch weiß, was auf der Straße wirklich zählt. Real kann sein, wer schon ewig dabei ist und deshalb weiß, wie der Hase läuft. Man kann aber auch real sein, wenn man als Gangsta-Rapper erschossen wird. "Parental Advisory: Explicit Lyrics" steht auf dem Cover jeder HipHop-Platte: Die Welt ist wild und gefährlich, und diese Schallplatte sagt dir, was da draußen wirklich abgeht.

Kaum eine Gruppe beherrscht das Spiel mit den Mythen der Straße besser als der Wu-Tang Clan. Für ihre neue Platte The W(Lou Records/Epic/Sony) müssen die neun sich allerdings damit abfinden, dass die Polizei ganz real ihren Part übernommen hat: Ol' Dirty Bastard, ein Mitglied der Gruppe, sitzt im Knast. Nicht dass er ein schweres Verbrechen begangen hätte: Fahren ohne Führerschein, Diebstahl von einem Paar Turnschuhen, Tragen einer schusssicheren Weste - was in Kalifornien, ist man vorbestraft, als terroristischer Akt gewertet wird. Wegen Verstoßes gegen Bewährungsauflagen drohen Ol' Dirty Bastard bis zu 15 Jahre Gefängnis.

Als der Wu-Tang Clan Mitte der neunziger Jahre auftauchte, sahen die Gangstarapper und ihr "Bereichert euch" aus wie Abziehbilder. Zu berechenbar erschienen ihre Images neben den maskierten Männern des Wu-Tang Clans, die ihre Gruppe nach einem unsichtbaren Schwert benannten und verkündeten, nicht nur viele Platten verkaufen, sondern die Musikindustrie als Ganzes übernehmen zu wollen. Das war selbst im HipHop, wo Angeberei zur Geschäftsgrundlage gehört, so noch nicht vorgekommen. In depolitisierten Zeiten inszenierte sich der Wu-Tang Clan als Guerillatruppe, um - bewaffnet mit einem obskuren Geheimwissen, das sich aus Traktaten islamistischer Sekten und extensivem Konsum billiger Kung-Fu-Filme speiste - seinerseits den Kampf gegen das Böse aufzunehmen. Was oder wer das genau sein könnte, die Weißen, die Plattenfirmen, die Polizei oder alle zusammen, war weniger klar als die Wahl der Waffen: "Liquid swords" nannten sie ihre Texte.

Das war hermetisch und befremdlich und für alle möglichen Lesarten offen: Wer die Politik noch nicht ganz verloren gegeben hatte, konnte hinter dem Bild der herumirrenden Krieger eine Metapher für die Situation der Afroamerikaner in der Diaspora vermuten. Genauso stand das Kung-Fu-Gebaren aber für den Business-Plan der Gruppe - jeder Rapper unterschrieb bei einer anderen Plattenfirma, damit der Clan als Ganzes nicht in Abhängigkeit geraten könne. Doch wer im HipHop etwas verspricht, muss es auch halten, und damit tun sich Rapper, die ankündigen, die Welt zu erobern, naturgemäß schwerer als die, die einfach nur behaupten, mehr Platten verkaufen zu wollen als die Konkurrenz. Es wurde nichts aus der Wu World Order.

Auf The W nun nutzt der Wu-Tang Clan zur Rettung des Rufs, die einzige Supergroup des HipHop zu sein, ein in der Popmusik oft erprobtes Mittel - Radikalisierung. Nach der vagen Feindbestimmung in der Anfangsphase der Karriere gibt es plötzlich einen eindeutigen Fokus: Der Clan hat mit Ol' Dirty Bastard einen Märtyrer. Solidaritätsadressen werden eingesammelt, von Altmeistern wie Isaac Hayes bis zu Großmeistern wie Snoop Dogg. Nicht ohne Mystifizierungen: Ol' Dirty Bastard ist bloß einer von zahllosen Afroamerikanern, die hinter Gittern sitzen. Aber wenn er bei seinem einzigen Auftritt auf The W rappt "I'm frustrated, with 29 years, no educated", ist das nicht bloß ein HipHop-Topos, es bindet die Gruppe an ihre Herkunft zurück. Gerade das Duett mit der Soul-Ikone Isaac Hayes markiert den Unterschied der HipHop-Generation zu der ihrer Väter. "Don't get mad, cause it ain't that bad / Wonder who you are, you come so far", brummt Hayes in einer Coverversion seines eigenen Klassikers Walk On By - ohne das verzweifelt-ausweglose "I can't go to sleep, I can't shut my eyes" des Wu-Tang-Rappers RZA übertönen zu können. Auch hinter den Worten rumpelt es düster: fehlgeleitete Pianosamples, Schnipsel aus Kung-Fu-Filmen, minimalistische Beats. The W will Millionen Käufer erreichen - und räumt in seiner Zerrissenheit doch zugleich mit der Vorstellung auf, ökonomischer Erfolg sei gleichzusetzen mit gesellschaftlichem Aufstieg. Es gibt kein Entkommen aus der schwarzen Realität, so die einzige Botschaft hinter den vielen Widersprüchen dieser Platte.