Das ist die Wahrheit: "Sie spielen laut, um das Getöse der Welt draußen zu halten" (John Berger). Am Anfang liegen die schweren Akkorde noch am Boden, die Gitarren wühlen und stochern darin herum, bis langsam eine Melodie majestätisch anhebt, von den hämmernden Riffs des Schlagzeugs emporgetrieben, sich zu einer dröhnenden Klangwolke ausdehnt, in der irgendwann - das weiß man - eine quälende Stimme erscheinen wird, spärlich textbeladen von Vergänglichkeit, Liebe und endlosem Warten erzählt. Ohne dieses brachiale Chaos wäre die Stimme ungeschützt. Oder wie der Kritiker Michael Ruff schreibt: "Schwächliches Siechtum trifft auf alles überwindende Kraft."

Road Rock Vol. I beginnt mit einem achtzehnminütigen Cowgirl In The Sand, und allein diese symphonische Zumutung erklärt das Konzept von Neil Young: Jeden Tag schreibe ich mein musikalisches Tagebuch - lies mich, lieb mich oder lass mich. Ist es das sechste oder das zehnte Live-Album - diesmal mit acht Songs, nur Fool For Your Love ist neu -, muss man sich Walk On noch einmal anhören?

Die Kardinalfrage aller Live-Aufnahmen steht im Raum: überflüssig oder unverzichtbar?

Oder klassisch interpretativ gefragt: Konterkariert jener Exekutionstrommelwirbel den Gestus von Peace Of Mind? Verrät das kammerspielartige Arrangement zu Tonight's The Night mit den Klavierrhapsodien, A-cappella-Refrains, den Gitarren-Hymnen und der fast parodistischen, geisterhaften shaaaky, shaaaky voice den Depressionscharakter des Werks? Will man das gediegene Words als Sträflingsketten-Song hören? Man will. Man findet diese Mischung aus schwermetallenem Rums und zartem Schmelz unvergleichlich, hält diese neuen Versionen für die überzeugendsten, bis - ja, bis die nächsten erscheinen (WEA Reprise 48036).

"Ich liebe dich" - Roland Barthes schreibt dazu in seinen Fragmenten einer Sprache der Liebe: "Die Figur bezieht sich nicht auf die Liebeserklärung, auf das Geständnis, sondern auf die wiederholte Äußerung des Liebesseufzers." Und so will der Liebhaber diese Stücke in allen Variationen neu hören, geflüstert, gekrächzt, sachlich, gejubelt, schwächer manchmal, aber auch hier als unverzichtbares Echo jenes ersten Mals.

Friends & Relatives nennt Neil Young das Album im Unteritel, kombiniert den alten Mitstreiter Ben Reith mit dem sagenumwobenen Bassisten Donald "Duck" Dunn, lässt sich von den alten & neuen Background-Sängerinnen Regi und Astrid Young harmonisch umschmeicheln und verstärkt All Along The Watchtower mit der come on boys-Stimme von Chrissie Hynde. Krachend laut, friedlich im Innern.