Im Steuerparadies ist der Teufel los. Auf den Cayman Islands zum Beispiel war es früher verboten, Steuerprüfungen durchzuführen - heute will die Regierung sogar mit ausländischen Finanzfahndern zusammenarbeiten. Die Bahamas wiederum galten in Finanzkreisen bisher als diskretester Ort für verschwiegene Geschäfte - demnächst tritt dort ein neues Gesetz gegen Geldwäsche in Kraft. Das Offshore-Paradies Antigua meldete kürzlich stolz, dass "erfolgreiche Verurteilungen mehrerer Offshore-Unternehmungen durchgeführt wurden". Und in Liechtenstein "haben sie binnen weniger Monate quasi das ganze System umgebaut", berichtet Professor Mark Pieth, ein Kriminologe an der Universität Basel.

Es ist die neueste Wendung in einem alten Konflikt: reiche Länder mit hohen Steuern und wohl regulierten Finanzplätzen gegen boomende Offshore-Oasen in aller Welt. Schon seit den sechziger Jahren haben sich etliche kleine (und einige große) Länder auf Finanzgeschäfte mit ausländischer Kundschaft spezialisiert. Sie bieten eine Mischung aus maximaler Diskretion und minimaler Besteuerung - und locken neben seriösen Unternehmern und Anlegern auch all jene an, die etwas zu verbergen haben: Steuerflüchtlinge und Betrüger, Diktatoren und Drogenhändler, Terroristen und windige Finanzjongleure.

Die Gegner solcher Machenschaften blieben Papiertiger. Arbeitsgruppen bei der OECD und bei der EU-Kommission debattierten besorgt die Abwanderung mobiler Steuerbürger (und ihres Kapitals) ins Ausland. Die Ländergruppe G-7 gründete 1990 den Ausschuss FATF, der über Geldwäsche, exzessive Geheimhaltung und Korruption an vielen Offshore-Finanzplätzen wettert. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BiZ) sorgte sich um die "destabilisierende Funktion" mancher Steueroasen, die Banken, Anlagefonds und Aktienhändler ohne geeignete Aufsicht operieren lassen. In den Oasen reagierte man gelassen: Der freie Kapitalverkehr spiele ihnen sowieso in die Hände.

Spätestens seit dem Sommer hat sich das geändert. Die FATF hat nämlich erstmals schwarze Listen von 15 Offshore-Oasen veröffentlicht - Orte wie die Bahamas, Cayman, Russland und die Marshall-Inseln, die nach Ansicht der Arbeitsgruppe nicht genug gegen die Geldwäsche tun. Die OECD stellte gleich 35 Oasen an den Pranger, die den OECD-Mitgliedsländern einen "unfairen" Steuerwettbewerb liefern. Die Aktionen hatten unerwartet durchschlagenden Erfolg: 7 der 15 FATF-Sünder haben inzwischen Gesetzesänderungen verabschiedet, weitere haben Absichtserklärungen unterzeichnet. Der FATF-Geschäftsführer Patrick Moulette markiert neuerdings den starken Mann: "Gesetze allein reichen nicht", sagt er, "wir wollen jetzt sehen, dass diese Dinge wirklich umgesetzt werden." Und sein Kollege Jeffrey Owen, Chef für Finanzfragen beim OECD-Sekretariat in Paris, ist zuversichtlich: "Man kann es bei Bedarf unmöglich machen, in einem bestimmten Offshore-Zentrum zu operieren."

Tatsächlich hat es sich in etlichen Steueroasen herumgesprochen, dass reiche Länder häufig doch am längeren Hebel sitzen. Technisch ist es nämlich kein Problem, die viel beschworene Globalisierung der Finanzmärkte ein kleines Stück zurückzudrehen: Man kann technisch Hürden im Kapitalverkehr mit ausgewählten Ländern errichten, Überweisungen aus Steueroasen blockieren - oder Banken die Lizenz entziehen, wenn sie an zweifelhaften Orten Geschäfte machen.

In der Praxis sind solche drastischen Schritte kaum nötig. Die Finanzbehörden der USA und Großbritanniens warnten im vergangenen Jahr lapidar ihre Banken, "erhöhte Sorgfalt bei allen Transaktionen" mit dem Inselparadies Antigua walten zu lassen - prompt brach auf dem Eiland Panik aus. "Das hat wirklich wehgetan", sagt Arthur Thomas, der als Rechtsanwalt und Offshore-Berater in Antiguas Hauptstadt St. John sein Geld verdient. "Plötzlich wollte keiner mehr bei uns sein Geld investieren - aus Angst, dass er es irgendwann nicht mehr zurückbekommt."

Zumindest die großen, seriösen Anleger bleiben weg - die immer noch den dicksten Batzen der Umsätze eines Offshore-Zentrums ausmachen. Antiguas Behörden sind jetzt besonders nett zu internationalen Steuerfahndern, und die Pläne für einen neuen Börsenhandel und neue Arten von Anlagefonds wurden erstmal auf Eis gelegt.