Zum Abschied war ein surrealer Artmann-Himmel aufgezogen: kleine, flauschige Schäfchenwolken vor einer schwarzen Gewitterwand, dazwischen blaue Flecken, die gelegentlich einen Sonnenstrahl passieren ließen. Die Feuerhalle beim Wiener Zentralfriedhof erstrahlte im goldenen Hoffnungsglanz, um dann wieder in der Düsternis einer Todesfestung zu erstarren. "mein herz schlägt fröhlich im losen regnen der mittwintersterne", hat H. C. Artmann einmal gedichtet. Am vergangenen Samstag versammelte sich das kulturelle Wien beinahe vollzählig, um zu betrauern, dass dieses Herz zu schlagen aufgehört hat.

Wer hier stirbt, kann nicht mehr entkommen: Zwar hat sich Artmann in einem frühen Vers ein Ehrengrab dezidiert verbeten, doch dafür werde ihm nun "ein ehrenhalber gewidmetes Grab" zugeeignet, so der Wiener Kulturstadtrat (ÖVP) in seiner Ansprache neben dem Sarg, in dem der Dichter aufgebahrt lag. Und überhaupt: "In unseren Herzen hat er längst einen Ehrenplatz." Das ist höhere Todeskasuistik in einer Stadt, durch deren Gassen noch immer die barocke "Vanitas" pfeift und die, wie es der Kulturwissenschaftler William M.

Johnston ausdrückt, "lieber einem Genius, der sicher tot war, ein Denkmal setzt, als dass sie ihn gefeiert hätte, solange er noch am Leben war und sie vielleicht noch hätte stören können."

Gestört hat H. C. Artmann bis zuletzt. Allerdings nur die FPÖ. Deren einfaches Parteimitglied Jörg Haider denunzierte ihn noch vor wenigen Jahren als "Sozialschmarotzer, der sein Geld beim Branntweiner gelassen hat", und wollte ihm die bescheidene Literatenpension streichen lassen. Taktvollerweise blieb Haider samt Parteigenossen der Trauerfeier fern und zog es vor, in Italien Unruhe zu stiften. Der Koalitionspartner der Blauen, die ÖVP, dagegen wollte sich die "schöne Leich'" nicht entgehen lassen und entsandte ihren Kulturstaatssekretär Franz Morak, einen ruhig gestellten Burgschauspieler, dem seit der Regierungsbildung das Misstrauen der Kulturschaffenden entgegenschlägt.

Er sei "ein hasser der polizei, ein verächter der obrigkeit, ein brechmittel der linken, ein juckpulver der rechten", hat H. C. Artmann in seinem autobiografisch zu lesenden Text meine heimat geschrieben. Das Juckpulver schien nachhaltiger zu wirken als das Brechmittel. Vielleicht hätte der Anarchist Artmann auch Gefallen daran gefunden, dass die ungünstige Akustik in der Feuerhalle Simmering die Reden des Literaturwissenschaftlers Klaus Reichert und des Dichterfreundes Peter Rosei zersägte. Aus der ungewollten Onomatopoesie drangen nur vereinzelte Sinnfetzen bis zum Publikum durch: "... letzte große Fahrt gemacht ... Wörter, die Unzucht treiben ... dem Zufall vertraut ... Mann der Vororte und des Volkes ..."

Die Trauerfeier als metapoetischer Akt, die Abschiedsveranstaltung als zufallsdadaistische Séance. Manche waren trotzdem nicht zufrieden. Beim Hinausgehen flüsterte eine Dame dem Schriftsteller Alfred Kolleritsch zu: "Du hast das damals viel schöner gemacht, beim Jandl."

Am nächsten Tag im voll besetzten Akademietheater dann der zweite Akt des leisen Servus: eine Matinee unter dem Titel Von der Wollust des Dichtens mit Friedrich Achleitner und Gerhard Rühm, den ehemaligen Artmann-Compañeros von der Wiener Gruppe, mit den Dichtern Raoul Schrott und Peter Turrini und einer ganzen Armada von Burgschauspielern. Sie ließen in eineinhalb dichten Stunden noch einmal "the best of H. C. Artmann" Revue passieren: die Dialektgedichte, die hinter der anschmiegsamen Sprachfassade den existenziellen Abgrund zeigen, die ins Groteske verrutschten Kinderreime, die Assoziationstexte, die im kollektiven Delirium befreundeter Geister entstanden. Zum Schluss wurde verdienstvollerweise das selten gespielte Mikrodrama Erlaubent, Schas, sehr heiß bitte! aufgeführt. Ein Stück, mit dem der scheinbar politikabstinente Artmann das genaueste Protokoll der österreichischen Seele jenseits von Qualtinger verfasst hat. Ein Drama, das das süße Mädl und den Vorstadtstrizzi, den Herrn Ober und Adolphus Hitler auf eine Weise zusammenführt, dass die Gedanken Twist zu tanzen beginnen. Wien hat sich auf seine Weise vom letzten großen Poeten Österreichs verabschiedet. "gewalt trägt nur der tod in diesem weißen schweigen auf seinem horn aus stein ..."