Es geschah in einer Novembernacht, im Südflügel des Chapel Court von Sidney Sussex College. Plötzlich wurde es kalt im Zimmer von John Emslie, es roch nach verwestem Fleisch, und als der Student sich umdrehte, sah er einen schwebenden, wachsbleichen Kopf ohne Ohren. Am folgenden Tag berichtete eine Kommilitonin, ihr sei ein blasses, blauviolettes Auge erschienen. Ein einzelnes, großes Auge im Raum. Wer in Cambridge studiert, braucht gute Nerven.

Für solche durchaus nicht im Studienplan vorgesehenen Phänomene hat Alan Murdie eine einleuchtende Erklärung: Es war der Geist von Oliver Cromwell, der gelegentlich noch zurückkehrt in sein College, in das er 1616 eintrat.

Wir stehen vor der zinnenbewehrten Fassade von Sidney Sussex, und Alan, unser Führer, erzählt den historisch verbürgten Teil der schaurigen Geschichte.

Oliver Cromwell, im Bürgerkrieg federführend bei der Hinrichtung Charles I., wurde in Westminster Abbey beigesetzt, nach dem Machtwechsel von den Royalisten exhumiert, die Leiche enthauptet, der Kopf auf einer Stange über Westminster Hall aufgespießt. Irgendwann verschwand Oliver Cromwells Kopf, bis er, einbalsamiert in einer Keksdose aus Zink, 1960 in Sidney Sussex College beigesetzt wurde. Nur drei Fellows kennen die genaue Stelle, sagt Mr. Murdie mit Verschwörermiene, im Vorraum der Collegekapelle.

Alan Murdie trägt eine schwarze Krawatte mit einem weiß gepunkteten Muster winziger, flatternder Gespenster. Ghost hunting ist seine Leidenschaft, im Übrigen arbeitet er als Rechtsanwalt in London, Spezialist für Copyright- und Umweltrecht. Paranormale Phänomene interessieren mich seit meiner Kindheit.

Ich bin in einem Dorf in Suffolk aufgewachsen, wo noch Geschichten über Hexen und Höllenhunde kursierten. Und nun führt uns Alan Murdies ghost walk auf die Spuren der Gespenster von Cambridge.

Sehen Sie da oben das zugemauerte Fenster? Free School Lane, die Rückseite von Corpus Christi. Aus diesem Collegefenster, heißt es, beugte sich im Sommer 1904 ein Körper ohne Kopf. Als solche Erscheinungen überhand nahmen, entschlossen sich vier Theologiestudenten zu einem Exorzismus. Sie zogen einen Kreis aus Weihwasser, und kaum hatten sie ihr Ritual begonnen, tauchte vor ihnen eine Gestalt auf, deren Beine unterhalb der Knie wie abgeschnitten erschienen, mit einer roten Narbe an der Kehle. Einer der Studenten hielt dem Geist ein Kreuz entgegen und rief, wie in alten Horrorfilmen, auf Deutsch: Weiche, Satan, weiche! Hinter der Täfelung, durch die der Geist verschwand, fand man einen Gang im Mauerwerk, der zu der ehemaligen Rektorenwohnung führte. Dort hatte sich Dr. Henry Butts, verzweifelt über den Tod seiner Angehörigen in den Jahren der Pest, am Ostersonntag 1631 erhängt - an seinen Sockenhaltern, in kniender Position, erläutert Alan Murdie.