Fünf Jahre und vier Monate, bevor in Europa der Eiserne Vorhang fällt, kommt die Freiheit nach Polen. Sie kommt mit einem kleinen untersetzten Mann, der Ende Juli 1984 ein bienenkorbförmiges Betongebäude betritt. Er steigt in den Aufzug, fährt in den siebten Stock, geht in sein neues Arbeitszimmer und schaut hinunter auf die Stadt zu seinen Füßen. Er sieht Cafés, denen es nicht erlaubt ist, Stühle auf die Straße zu stellen, und Restaurants, die zum Essen keinen Wein servieren dürfen. Er sieht graue Verwaltungsgebäude, in denen Männer mit kurzen Hosen und krummen Beinen sitzen und darüber entscheiden, ob es den Menschen im Land erlaubt ist, Zeltstangen zu importieren. Er sieht sein Heimatland, von Paragrafen gefesselt, vom Bankrott bedroht. Er sieht Neuseeland. "Wie Polen!", denkt er sich. "Nur mit mehr Sonne."

Der Mann heißt Roger Douglas. Er ist der neue Finanzminister, und er beginnt diesen Job wie ein Chemiker: mit einem Experiment. Einem Experiment, das auf der ganzen Welt noch niemand gewagt hat. Douglas macht aus Neuseeland ein Soziallabor. Er formt eine Gesellschaft, die wie keine andere von den Kräften des freien Marktes regiert wird. So wird das kleine Land schnell zum Modell der Globalisierungsepoche. An Neuseeland, schreiben Ökonomen und Journalisten, könne sich der Rest der Welt ein Beispiel nehmen.

15 Jahre später ist das Experiment gescheitert. Im Herbst 1999 wählten die Neuseeländer eine neue Regierung an die Macht. Und während sich im Rest der Welt der Staat aus der Wirtschaft zurückzieht, macht sich diese Regierung daran, die Marktkräfte zu schwächen. 15 Jahre waren genug. So wie Chemiker heute wissen, wie Wasser und Natrium aufeinander wirken, so glauben die Neuseeländer nun die Antwort auf eine Frage zu kennen, die sich die Menschen heute überall stellen. Wie reagiert ein Land auf den unregulierten Markt?

Wird es reicher? Schöner? Hässlicher?

Neuseeland 1984, das sind 3,5 Millionen Menschen und zwei Inseln zwischen Australien und dem Südpol, zusammen etwa so groß wie das italienische Festland. Das sind Männer, denen es nichts ausmacht, tagelang keinen Menschen zu sehen, aber jeden Tag hundert Hügel und tausend Schafe. Das sind Menschen, die stolz darauf sind, dass ihr Land als der Geburtsort des Wohlfahrtsstaates gilt. Dass es in Neuseeland keine Armen gibt und wenig Reiche, aber viele Wohlhabende. "Achtzig Prozent der Neuseeländer hatten ein eigenes Haus", sagt der Sozialhistoriker David Thomson von der Massey-Universität in Palmerston North. Dazu oft noch ein Auto und ein Boot. Das war der Unterschied zu Polen.

Allen war klar: So konnte es nicht weitergehen

Dass sie manchmal Monate warten mussten, bis der Staat das Telefon montierte, fanden die zufriedenen Hausbesitzer nicht so schlimm. Der Staat sorgte ja auch dafür, dass jeder Neuseeländer eine Arbeit bekam, 25 000 allein bei der Eisenbahn. Dort hatte zwar nicht jeder etwas zu tun, aber die Leute hatten Jobs. Und der Staat hatte Schulden. Mitte der Achtziger sahen die Neuseeländer ein, dass es so nicht weitergehen konnte. Sie wählten die Labour-Partei an die Regierung, Roger Douglas wurde Finanzminister.