Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften haben unterschiedliche Ansätze.

Erstere untersuchen nicht nur "sinnhaft konstruierte Gegenstände", sondern fragen nach der Handlungsmotivation des Menschen. Das ist eine Frage auf die Zukunft hin. Zwar sind Gedanken im Gehirn und Wahrnehmungsprozesse gewiss deterministisch und können jeweils auf bestimmte Impulse zurückgeführt werden, aber das ist immer nur im Nachhinein möglich. Können Gehirnstrukturen eines psychisch Erregten im Kernspintomografen gezeigt werden, dann erklärt dies nicht viel über die Ursache der Erregung, es bildet sie nur ab. Werden jemandem Drogen verabreicht, dann hat er Halluzinationen, doch welchen Inhalt diese haben, ob schrecklich oder beglückend, weiß man vorher nicht. Für die Geisteswissenschaften ist nicht interessant, wie und warum ich denke, sondern was ich denke.

Vor eine bestimmte Handlungs- oder Verstehensaufgabe gestellt, muss sich der Mensch für eine Handlungsmöglichkeit entscheiden oder verschiedene Alternativen bedenken. Dabei wird das vorhandene jeweils unterschiedliche Wissen auf komplexe Weise verarbeitet. Im Nachhinein kann seine Entscheidung dann auf einen bestimmten Input zurückgeführt, begründet und erläutert werden, doch dann ist die Entscheidung schon getroffen. Der Gedanke selbst erscheint intuitiv, steigt unwillkürlich auf, wird oft halb bewusst wieder verworfen.

Es gibt einen Bruch zwischen der Erfahrung des Selbst und der Betrachtung des Ich. Die wissenschaftliche Untersuchung im kritischen Bewusstsein kommt immer einen Tick später als das, was Gefühl, Intuition und Erfahrung vorgeben.

Deswegen sind dann nachträgliche Analysen und empirische Beweise dessen, was man schon "wusste", oft langweilig. Und ein apriorisches Wissen vom Künftigen gibt es nicht.

Dr. Radegundis Stolze Darmstadt

Vor mehr als dreißig Jahren hätte in einem Gespräch über die Deutung der Welt der Bezug auf die Sprache, die Sprachphilosophie und die Sprachwissenschaft nicht gefehlt. Heute ist - jedenfalls in den einflussreichen Gazetten - davon kaum noch die Rede. Stattdessen diskutiert die Philosophie mit der Neurobiologie. Erkenntnisse der Sprachphilosophie und der Linguistik bleiben vor der Tür, erst recht aber die Sprechakttheorie oder gar die Hermeneutik.