Berlin

Etwas ist da mit Fischer und Gott. Im grünen Milieu würde man von einer schrägen Beziehungskiste sprechen. Kaum ein öffentlicher Auftritt vergeht, ohne dass der deutsche Außenminister in die Bilderwelt des Christentums eintaucht. In Nizza erklärt er den johlenden Journalisten, wie sich das "Beichtstuhlverfahren" auf dem EU-Gipfel vom katholischen Ritual unterscheidet. In Hangzhou, wo der chinesische Volksmund das "Paradies auf Erden" ortet, stellt er Betrachtungen über das Jenseits an. Sein Traum, sagt Fischer gelegentlich, sei der Botschafterposten am Vatikan.

Meistens lachen die Zuhörer, wenn der Minister über den Herrn redet. Das liegt daran, dass er seine Faszination fürs Christentum ironisch verkleidet.

Im Kern ist sie echt: Sie umfasst den Respekt des Theoretikers vor der Dauerhaftigkeit dieses geschlossenen Weltbildes, die Sehnsucht des Sterblichen nach einer Bedeutung, die über ihn hinausweist, die Hoffnung des Einsamen auf das Erwähltsein, auf Erlösung.

Schon früher verglich sich Fischer mit Moses, als er für sein grünes Volk das Meer teilte, um es ins gelobte Land der Regierungsbeteiligung zu führen. Mit dem Aufstieg zum Außenminister hat sich seine Mission gewissermaßen verstaatlicht. Fischer, seit zwei Jahren der oberste Botschafter Deutschlands, hält sich für einen Gesandten mit historischem Auftrag. Mögen seine Kollegen im Kabinett einen "Job" machen - er macht Geschichte. Seine Berufung ist es, das nationale Schicksal zu steuern. Seine Bergpredigt ist die politische Bußrede, gehalten auf dem Trümmerhaufen der deutschen Geschichte.

Vielleicht muss man verstehen, dass Joschka Fischer keine Scheu vor großen Gedanken zeigt. Seit Monaten ist er der beliebteste Politiker des Landes.

Drei Biografien beschreiben das Leben dieses 52-Jährigen, der seit gerade 26 Monaten ein herausragendes Amt ausfüllt. Wenn er ein Lokal betritt, ob in Berlin, Brüssel oder Nizza, ersterben die Gespräche. Seine Wahlkampfauftritte und Pressekonferenzen genießen Kultstatus, vergleichbar allenfalls mit den Auftritten des späten Helmut Kohl.