Um Tom und Mandla geht es hier. Tom wohnte gegenüber von Mandla. Eines Tages stahl Tom Mandlas Fahrrad. Seitdem sah Mandla jeden Tag, wie Tom auf dem Fahrrad zur Schule fuhr. Nach einem Jahr kommt Tom auf Mandla zu. Er streckt seine Hand aus und sagt: "Lassen wir die Vergangenheit vergangen sein. Komm, wir versöhnen uns." Mandla schaut auf Toms Hand: "Und was ist mit dem Fahrrad?" - "Ich spreche nicht von dem Fahrrad", sagt Tom, "ich spreche von Versöhnung."

Südafrika ist seit je von der Rassenfrage besessen, der Rassismus ist unser Leiden. Weiß. Oder schwarz. Dazwischen nichts. Seit mehr als drei Jahrhunderten ist der Rassismus unsere schwärende Wunde. Er hat die Seele Südafrikas durchtränkt. Wer über Versöhnung reden will, muss über die Rassenfrage sprechen. Rasse und Privilegien, darum geht es.

Bei den Definitionen von Versöhnung in den Wörterbüchern schwingt die Bedeutung der "Wiederherstellung" mit, der Rückkehr zu einem früheren Zustand. Aber in Südafrika haben Schwarz und Weiß nie in einer harmonischen Beziehung gelebt. Deshalb hilft uns das Wort Versöhnung nicht weiter. Wir verwenden es gepaart mit anderen, damit es einen Sinn bekommt: Wahrheit und Versöhnung, Gerechtigkeit und Versöhnung. Allein bedeutet das Wort immer zu viel oder zu wenig, alles und nichts. Die Frage ist also, wie der Begriff neu erfunden werden kann. Denn gebraucht wird er. Die Wahrheit ist: Man benutzt das Wort Versöhnung nur, wenn man es nötig hat. Wer Gerechtigkeit erfährt, spricht nicht von Versöhnung

wer Macht ausübt, spricht nicht von Versöhnung.

Versöhnung ist die Parole der Privilegierten, wenn die Armen mit Steinen in ihren Händen näher rücken.

Unterschiedliche Auffassungen von Versöhnung in Südafrika. Nachdem sie sich geweigert hatte, dem Polizisten Dirk Coetzee den Mord an ihrem Sohn zu vergeben, sagte Frau Charity Kondile: "Für Erzbischof Tutu und Nelson Mandela ist es leicht zu vergeben. Sie leben ein erfülltes Leben. In meinem Leben hat sich nichts geändert, seit die Barbaren meinen Sohn verbrannt haben, nicht das Geringste." Für Frau Kondile bedeutet Versöhnung ein erfülltes Leben, ein Leben, das sich zum Besseren gewendet hat.

Anfänglich waren es vor allem weiße Politiker, die das Wort Versöhnung gebrauchten - aber eher als Drohung denn als Geste echter Versöhnung: Gebt uns, was wir wollen, sonst werden wir uns nicht mit einer schwarzen Regierung versöhnen! Für diese Leute bedeutet Versöhnung etwas, das sie zurückhalten können, bis sie bekommen, was sie fordern: Ruhe, Sicherheit, Wohlstand ...