Welch entzückende Widmung: "Dieses Buch richtet sich ausschließlich an Jugendliche über siebzig Jahre, die die schärfste und effektivste Waffe der Demokratie gegen ihre Feinde zu führen (...) wissen: die Freiheit der Rede und der Meinung." Ach, wer fällt uns da nicht alles ein, etwa jener Potentat, der im Falle Sebnitz dekretierte, Sachsen seien keine Nazis, da sie ihn zum König hätten. Mehr Namen nennen wir nicht, sonst riskieren wir einen Aufstand der Anständigen.

Dies ist das richtige Buch zur rechten Zeit. Kühl recherchiert und mit dem Feuer eines lutherischen Sendbriefs geschrieben, unterbricht diese Streitschrift die sonoren Predigten gutdeutscher Ausländerbeturtelung, und der Titel passt wie der Führerscheitel auf die Glatze. Fast mag der Rezensent nur loben, wenn nicht ... Aber dazu später. Rasch gesagt, beschreibt Burkhard Schröder, warum Rechtsradikalismus kein deutsches Randphänomen ist. Er wohne inmitten der bundesbürgerlichen Gesellschaft, ja, er sei im deutschen Nationalbegriff wesenhaft angelegt. Auch andere Nationen laden sich historisch und metaphysisch auf, doch im Unterschied zu England oder Frankreich leistet das deutsche Staatsbürgerschaftsrecht der Blutsmystik Justizbeistand.

"Ja, es gibt zu viele Ausländer" in Deutschland, schreibt Schröder, "weil immer noch zu wenige Einwanderer eingebürgert werden." Dass Deutschland Einwanderungsland ist, gesteht nach der Entfernung des Pfalzkanzlers sogar dessen Volksinstinktpartei. Doch Burkhard Schröder sieht Deutschland bis hin zur Antifa, bis in die Toleranzrhetorik völkisch-national befangen. Da möge der ausländische Mitbürger respektiert werden. Da wird ermutigt zur Begegnung mit dem Fremden, welches a) bereichernd sei, b) sich dem Deutschen assimilieren müsse, unter deutscher Hegemonie. - Wollen wir nicht Leitkultur sagen?

Auch die Multikulturellen piekst der Autor an. "Multikulti" ist "out", befindet Schröder. "Und das ist gut so. Das paternalistische Konzept des Multikulturismus wird mittlerweile von modernen Faschisten (...) adaptiert

die Idee verschiedener Kulturen, die nebeneinander stünden und die wechselseitig Toleranz entwickeln müssten, ist Haider-kompatibel." In einem sehr schönen Kapitel über die Skinhead-Geschichte zeigt Schröder, wie die rechte Szene den deutschbürgerlichen Wertekonsens weniger attackiert als repräsentiert.

Umtünchungen von Rassismus in Normalität, von rechter Jugendkultur in Pop sind gang und gäbe. In weiten Gebieten Ostdeutschlands funktioniert die rechte Szene als einziges Sozialsystem, auch für junge Leute, die sich niemals Nazis nennen. Schließlich wurden sie nicht mit Eid auf Opa Adolf rekrutiert, sondern über Musik, die Hierarchie der lokalen Jugendszene und sonstwie wärmende Riten eines deutschen Wir. Der Neger passt da nicht rein.

Rassismus via Alltagskultur: Detailliert beschreibt Schröder Kommunikation und Computervernetzung der rechten Szene. Dass man derlei verbieten könne, ist ein so tragisch-komischer Glaube wie der an die jugendgewinnende Kraft der alten Parteimilieus. Was aber hilft? Synkretismus, Kultur als Verschmelzungsgeschichte. "Die globale Metropolensubkultur der Migranten, zu der in Deutschland nur die turkish community gehört, ist das einzige effektive Mittel der alten Bundesrepublik gegen einen rechten kulturellen mainstream." Also entvölkern wir die Dörfer, die kleinen Städte, verbieten das Jodeln und verbrennen Ännchen von Tharau am Eisenacher Burschenschaftsdenkmal?