Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gesuch an den Meister ausging, dass er der Welt ein geistlich Werk schenke. Und John Adams ging, den Auftrag zu erfüllen, und trug fortan ein Weihnachtsoratorium unterm Herzen. Alsobald war da die Menge der himmlischen und menschlichen Einwände. Wollest du, John, im Bachjahr bücklings auf den Spuren des Thomaskantors wandeln? Da las Adams die Evangelien abermals und fiel in tiefes Sinnen: lauter Wunder, eins mächtiger und unergründlicher als das andere. Bald hörte Adams auch staunend einen gregorianischen Weihnachtschoral und hatte gleich seinen Arbeitstitel: Wie konnte das passieren? Und als ihn der Regisseur Peter Sellars mit spanischer Lyrik zum Thema versorgte, war El Niño geboren. Die Musik zum Kind. Die Partitur als Wehenschreiber. Die modernen Johannes und Petrus als Geburtshelfer. Und das Pariser Théâtre du Châtelet als Uraufführungskrippe.

Ein Oratorium mit Rezitativ, Arie, Arioso und Chorsatz

In 2000 Jahren seit Bethlehem hat sich der Globus mit irrer Beschleunigung gedreht, doch selbst ein Schwarmgeist wie John Adams zieht sich, dem klugen Bach folgend, auf gesicherte Muster zurück. Für sein Weihnachtsoratorium vertraut er der Dramaturgie aus biblischem Bericht, emotionalem Kommentar, betrachtender Überwölbung, er beharrt - mit modernen Mitteln - auf dem Kontrastprinzip aus Rezitativ, Arie, Arioso, Chorsatz. Mit den neutestamentlichen Lieferanten Lukas und Matthäus allein geht das freilich nicht, jetzt müssen auch die Pseudoevangelien ran, apokryphe Quellen, altenglische Mysterienspiele, die beredte Hildegard von Bingen und maßvolle Verse mexikanischer Frauenliteratur. Ein multipler Hymnus aus Latein, Englisch, Spanisch. Wer in Kalifornien lebt (wie Adams und Sellars), braucht sich um den ethnischen Sprengstoff, den eine theologisch zeitlose Zaubergeburt birgt, nicht zu sorgen. Gleichwohl bleibt Adams bei der virtuellen Handlung seines Oratoriums ganz sanft und aktenkundig, er vertont nichts als das fromme Märchen von der Verkündigung Mariens bis zur Flucht nach Ägypten. Dabei bringt er uns die Gottesmutter näher als ihr Knäblein. So steht gleich am Anfang ein expressiver Chorsatz über die Jungfrau, an dem sich drei Countertenöre (aus Paul Hilliers Theater of Voices) beteiligen

sie bleiben den Abend über als seraphisches Geschwader präsent.

Mutter Maria ist bekanntlich auserwählt, doch weiß sie nicht, wohin mit dem Baby. Nun schaltet sich wieder Sellars ein und zeigt uns Zuschauern einen Film auf riesiger Leinwand, in dem es teils prosaisch, teils kunstvoll zugeht. Ein Wunder von heute: Maria und Joseph, zwei Latinos, in keuscher Umschlingung auf einem Fußboden von Los Angeles, in der Küche vor der Mikrowelle, im Auto auf dem Highway, bei den Presswehen im Hinterhof, nach der Entbindung am einsamen Strand des Pazifiks. Allenthalben Gefunkel und Geglimmer, hier ein weinender Cop, dort eine landende Boeing 737, darin vermutlich die drei Taufpaten aus dem Morgenland. Wer aber ist der Hirte?

Haben wir Herodes übersehen? Nun, Sellars' Film ist gleichfalls eine einzige Marienverehrung, man sieht jedes Piercing und ihre geschminkten Lippen, ihr mütterliches Lächeln und ihre entrückten Blicke in die Sphäre der Erkenntnis.

Überlebensgroß Frau M. Jetzt muss die Musik zeigen, was sie kann, sonst geht sie als Soundtrack unter.