Hast Du Buena Vista Social Club gesehen?" Im Foyer des alten Kinopalastes Payret in Centro Habana hält der argentinische Filmproduzent Jorge Devoto wahllos Einzelne aus der hereindrängenden Menge Publikum an. Immer wieder Kopfschütteln - was dem deutschen Besucher zu beweisen war. Auf Kuba braucht Devoto keinen Vergleich zu scheuen. Die Kubaner mögen die "viecitos", die Altchen aus Wim Wenders' Film, zwar als Musiker kennen, aber nicht von der Leinwand. Nur für wenige Sondervorführungen war die Dokumentation bisher in Havanna zu sehen. Im Programm des 22. Festival Internacional del Nuevo Cine Latinoamericano bekommt das Publikum das Alternativprogramm zu sehen, Devotos Produktion Van Van - empezó la fiesta!. Van Van ist seit 30 Jahren Kubas erfolgreichste Salsa- und Latin-Jazz-Band. Der Film beobachtet die Musiker aus der handfesten Compañero-Perspektive, nicht wie Wenders mit dem oberflächlich entzückten Blick des sensiblen Fremden. Den Zuschauern kommt das entgegen. Sie kennen ihre Helden und wollen sie feiern, auch wenn sie diesmal nicht live spielen. Aber eine Eintrittskarte zu einem regulären Konzert der Band könnten sich ohnehin nur wenige Kubaner leisten.

Auch Hollywood schickt Filme - ausnahmsweise

Das Publikum im Payret ist für seine außerordentliche Volkstümlichkeit bekannt. Centro Habana gehört zu den ärmeren Vierteln der Hauptstadt.

Kubanische Kritikerkollegen raten dem deutschen Festivalgast überhaupt vom Besuch des Kinos ab, schon ganz und gar, wenn der Film für die Zuschauer ein Heimspiel bedeutet. "Ins Payret? Allein? Zum Van-Van-Film? - No way!" Damit begegnet man plötzlich dem Pendant des Buena Vista-Blickes. Die einheimischen Kollegen möchten den vermeintlich sensiblen Fremden keiner proletarischen Breitseite aussetzen. Natürlich ist die Furcht unbegründet. Für den größten Gegensatz im Saal sorgt das Publikum auf der einen, die Dekoration auf der anderen Seite. Denn rechts und links von der Bühne sind lebensgroße Statuen der neun Musen an die Wand montiert, mit gräkisierenden Namenszügen, ein wunderliches Überbleibsel aus vorrevolutionärer Zeit, das einen Kunstdünkel ausstrahlt, der den Zuschauern denkbar fern liegt. Hier geht es ums Vergnügen, und jedes bekannte Lied wird so weit wie möglich mitgesungen.

Besonders emphatisch begleiten die Zuschauer auch eine Szene, die das erste Konzert der Band in Miami 1999 zeigt. Aufgrund von Protesten der exilkubanischen Gemeinde konnte der Auftritt nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen stattfinden. Die Fans in Miami schimpfen zurück, die Demonstranten seien "krank im Kopf", und ernten vom Publikum in Centro Habana begeisterten Applaus.

Knapp zwei Jahre nach Wenders' Erfolg mit Buena Vista Social Club scheint es, als werde kubanische Musik umfassend auf Film oder Video gebannt. Das Festival zeigt mehr als ein halbes Dutzend Beiträge zum Thema, Porträts, Genrestudien, historische Überblicke. Kaum einer dieser Filme stammt aus Kuba selbst. Außerhalb des Landes, im Kapitalismus, scheint man das Modische des Phänomens klarer erkennen und schneller auf den Zug aufspringen zu können. In Havanna haben nur die Live Bands in den Touristencafés und -bars der Altstadt flächendeckend reagiert und sind allesamt auf die Songs des Club eingeschworen. Aber an diesem Ende der "Musikindustrie" herrscht ja auch auf Kuba schon Kapitalismus. Die Musiker sind angewiesen auf die Dollarkollekte am Tisch - mit der sie dann weit mehr verdienen können als der Großteil der staatlichen Angestellten.

Manche Preise steigen durch den wachsenden Dollarmarkt. Die Karten fürs Kino liegen noch immer bei zwei kubanischen Pesos, umgerechnet zehn Cent. Das gilt auch während der elf Tage des Festivals. Sämtliche Säle der Stadt sind an das Großereignis angeschlossen, ein reguläres Kinoprogramm findet nicht mehr statt. Aber was heißt in diesem Fall schon regulär. Das Jahr über starten in Kuba höchstens 20 neue Filme, in der Regel mit reichlich Verspätung gegenüber dem Rest der Welt. Die meisten internationalen Ankäufe für den Verleih auf der Insel sind zweitrangige Werke, schon deshalb, weil das entsprechende Budget des staatlichen Filminstituts ICAIC zu einer erstklassigen Auswahl gar nicht reichen würde. Die Mehrzahl dieser Produktionen stammt, mehr oder weniger überraschend, aus den Studios des großen bösen Bruders im Norden. Die Kopien freilich werden nicht direkt vom Erzeuger in Hollywood bezogen, das verbietet das Embargo. Stattdessen bekommt man sie aus Mexiko, mal als Film, mal als Video, in jedem Fall nicht auf normalem Geschäftswege. So sind die kubanischen Kinos abhängig und unabhängig von Hollywood zugleich. Nicht ohne Bitterkeit wird im ICAIC die Neigung des Volkes zur US-Unterhaltung aufgenommen, nicht ohne Genugtuung führt man dann die Werke ohne Erlaubnis vor. Dass manche Filme selbst in großen Sälen nur als Videoprojektion zu sehen sind, muss dabei in Kauf genommen werden.