Zuletzt war die Szene in dem Film Shakespeare in Love zu sehen: Von der Liebe entflammt, schreibt der jugendliche Held mit fliegender Hand das unvergessliche Stück über die Liebe. So stellt sich das Kino den produktiven Vorgang gerne vor: als einen ideellen, in der Regel erotisch beflügelten Rausch. Empirisch dürfte das wenig wahrscheinlich sein.

Wer sich in akuter Begeisterung befindet, hat meist Besseres oder Schlechteres zu tun, als sich ans Werk zu machen. In Jean Pauls Vorschule der Ästhetik von 1804 heißt es deshalb: "Keine Hand kann den poetischen, lyrischen Pinsel fest halten und führen, in welcher der Fieberpuls der Leidenschaft schlägt." In seinen Vorlesungen über die Ästhetik spottet auch Hegel über die Ansicht, das künstlerische Genie sei aus Quellen eines vorbewussten Enthusiasmus tätig, in den es sich selber zu versetzen wisse, "wobei denn auch des guten Dienstes der Champagnerflasche nicht vergessen ward".

Die schlichte Inspirationstheorie des kreativen Tuns, sagen Jean Paul und Hegel mit Recht, ist blind für das hohe Maß an Selbstkontrolle, ohne das keine künstlerische oder gedankliche Artistik auskommt. Allerdings erklärt das nicht, wieso gerade die produktivsten Geister heute wie gestern ein inniges Verhältnis zu diversen Drogen pflegen. War doch Hegel selber kein Kind von Traurigkeit. Schopenhauer schrieb ihm verächtlich eine "Bierwirtsphysiognomie" zu, doch seine mit Goethe geteilte Leidenschaft galt dem Wein (der mit dem Bier war Jean Paul). Wer weiß, ob Wahrheit und Methode je erschienen wäre, hätte sich Hans-Georg Gadamer in der günstigen Lage seiner Heidelberger Zeit nicht ebenfalls den Wein erschlossen. Kants Leidenschaft galt dem Senf, bei anderen sind es Kaffee und Tabak, ganz zu schweigen von der neuerdings in Mode gekommenen Droge der Geschwindigkeit.

Der heutige Literat, dem Nikotin und Koffein entwöhnt, holt sich seinen Kick auf einer staufreien Autobahn, im ICE oder in Flugzeugen, wobei auch des guten Dienstes der neuesten Musikanlagen nicht vergessen wird.

Der einfachen Inspirationstheorie steht eine ebenso einfältige Kompensationstheorie gegenüber. Ihr Stichwort stammt von Wilhelm Busch: "Wer Sorgen hat, der hat Likör." Die Krise, in der sich der schaffende Geist naturgemäß befindet, müsse unter Einsatz von Suchtmitteln gelindert werden.

Am deutlichsten hat Raymond Chandler dieser Version widersprochen: Er trinke seinen Whiskey nicht, um sein Leben in den Griff zu kriegen, bemerkte er, sondern um sein Schreiben in Gang zu halten. Der Alkohol kompensiert kein existenzielles Leiden, er hilft, das literarische Feld zu bestellen. Wodurch aber? Indem er die Automatik der Imagination, indem er den erwartbaren Fluss der Dinge unterbricht. Nicht zur Inspiration, nicht zur Kompensation, zur Interruption der Arbeit am Text braucht es die tägliche Dosis Wahn.

Unsere Genies im aktiven Dienst müssen dringend verhindern, dass es bei ihrer Arbeit wie von selber geht. Das Schreiben in Gang halten, wie Chandler sagt, bedeutet in ihrem Fall, dem Text nicht seinen erwartbaren Gang zu lassen. Sie müssen von der geraden Bahn abkommen, um auf die gewagte Bahn zu geraten, der ihr ganzes Sinnen und Trachten gilt. Dafür brauchen sie den einen oder anderen gefährlichen Stoff. Was aussieht wie ein Verlust der Selbstkontrolle, ist in Wahrheit ein Akt der kreativen Selbstbeherrschung, über den sie, wenn es gut geht, die Kontrolle behalten. Der Einstaz von Rauschmitteln dient der Steuerung der Kräfte, oder genauer: der Gegen-Steuerung gegen die beharrenden Kräfte, die sie im Schreiben bewegen.