Otranto

Es gibt verschiedene Arten des Ankommens in Otranto. Wie einer ankommt, hängt von den Zeiten ab, den politischen Verhältnissen, der Lage der Wirtschaft und den Beziehungen der Religionen zueinander. Aber Ankommen war immer in Otranto, denn es ist Italiens Tor zum Orient, der Vorposten Europas.

Im Winter sind die Straßen leer in Otranto. Die Touristen, die hier im Sommer durchziehen, stehen wieder an ihren Werkbänken oder sitzen an den Schreibtischen im Norden, und Otranto gibt sich dem trägen Alltag hin ohne Menschen fast und nur von der allgegenwärtigen Sonne am Leben erhalten.

Jetzt, wo es hier so still ist, mag man sich fragen, was am 12. August 1480 in diesen Straßen geschehen ist, man kann sich den Erzählungen hingeben, die von dem Blut berichten, das an jenem Tag durch die Gassen floss, durchmischt mit dem Olivenöl, dessen Krüge die türkischen Invasoren systematisch zerschlugen, weil das Öl ein Zeichen des Lebens war. Kein Gott war damals zugegen, um die Bewohner zu schützen, und auch kein König oder Fürst, der mit seiner Armee zu Hilfe kam, nur die Sonne betrachtete mit offenen Augen erbarmungslos das Schauspiel. Man mag in diesem seltsam körperlosen Otranto glauben, dass die Zeit hier nicht mehr vorangeschritten ist seit jenem 12.

August, dass sie vielmehr stehen geblieben ist wie jener Antonio Primaldo, den die Türken als Ersten auf dem Hügel vor den Toren der Stadt geköpft haben. Als Ersten von 800, die an diesem einen Tag starben, weil sie ihrem Glauben nicht abschwören wollten

dieser Primoldo, der ohne Kopf stehen geblieben sein soll, bis der letzte seiner Leidensgenossen unter dem Säbel des Henkers gefallen war. Die Überlieferung berichtet Folgendes über die Untaten des türkischen Heerführers Achmed Pascha: "Er schonte weder Alte noch Junge, weder Priester noch Bürger. In den Straßen der Stadt hörte man nichts anderes als die Schreie der Ermordeten, das Weinen und Wimmern der Kinder, das Röcheln der Alten, die so lange gelebt hatten, nur um solchen Schrecken und solches Unglück zu erleben."

Verraten von den Herren in Neapel, Florenz und Venedig