Göttergatten, liebestrunkene Mütter und himmlische Kinderaugen bevölkern unseren Alltag oder sollten es doch! Oder gerade nicht, nie und nimmer?

Unsere Wünsche oder Ängste wispern uns auf verworrene Weise im Kopf herum, und warum das so ist und wieso Ehe und Nachwuchs die einen von der Kindheit an als Traum verfolgen oder andere wie ein Alb bedrücken, wieso Vater, Mutter, Kind zu Weihnachten verehrt werden und während der übrigen Monate des Jahres nicht selten als "Heilige Familie" verhöhnt, ahnen wir höchstens, manchmal. Weshalb wir uns voller Andacht in ein Taschenbuch vertiefen, in dem der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke Aufklärung verspricht: Die Heilige Familie und ihre Folgen. heißt es und will den Bogen spannen über 2000 Jahre und an diesem Bogen 2000 Jahre Familiengeschichte aufhängen.

Vater, Mutter, Kind. Kauern so friedlich im Stall. Obwohl doch der Vater gar nicht der Vater ist. Und die Mutter außerehelich empfangen hatte. Der Sohn bei Betrachtung der Genese Gottes Sohn ist, also auf Erden ein armes Waisenkind. Krümmt jetzt reizend die Zehlein, das Jesulein, aber wenn es den Windeln entwachsen ist, wird es eine Art von reisender Männerwohngemeinschaft gründen und harte Worte sprechen wie die: "Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert." Und so weiter, MT 10. Gar kein Vorbild als heilige Familie, diese drei Gestalten, eher ein Zusammenfall möglicher Familienkatastrophen und zugleich Ausgangspunkt einer religiösen Massenbewegung, die im Kern komplett familienfeindlich strukturiert ist, meint Koschorke, weil sie die Gruppenloyalität über die Sippenzugehörigkeit stelle. Kann man das glauben?

Ein Mann, ein Kind, eine Frau. Dreipersonenhaushalt. Eine eigentümliche Figurenkonstellation, sagt Koschorke, in der jede Position mehrfach besetzt ist. Hinter Joseph steht Gott, was die Heilige Ehe als ménage à trois verdächtig macht, in der noch der Priester mitmischt, als Gottes Stellvertreter. Das Kind verschmilzt mit Gottvater, was ihm die Mutter als Braut zur Seite gibt. "Die Ordnungen verkehrte der Schoß deiner Mutter", wird in einer Hymne zitiert. "Soll ich dich "Sohn" nennen, - "Bruder", "Bräutigam" - "Herr", Erzeuger seiner Mutter ...?", singt Maria: "Denn Schwester bin ich dir aus dem Hause Davids", heißt es, "Und Mutter bin ich, - weil ich dich im Schoß trug. Und Braut bin ich, - weil du keusch bist ..." Jesusmaria, wie konnte so ein Durcheinander entstehen und sich in unserer Wahrnehmung als einfache Struktur darbieten, anbetungswürdig und zugleich Vorbild?

Koschorke beschreibt respektlos die Geschichte eines Motivs, das biologische und geschlechtliche Verhältnisse sinnhaft transformiert: "Aus einem mehr oder minder gewalttätigen Nebeneinander von Körpern lässt es Synthesen höherer Ordnung entstehen, die von spirituellen Kräften getragen sind", erklärt er und verfolgt, wie (macht-)politische Interessen eine Konstellation immer neu und nicht selten völlig gegensätzlich interpretieren und ihr Kunstwerk dann jedes Mal wieder zur Norm erheben. Koschorkes Werkzeug ist die Textinterpretation. Er blättert auf: die Bibel und Freud, die Strukturalisten und Oskar Panizza und daneben auch Mystiker des 4. Jahrhunderts. Alles ist Text. Hilfsmittel sind die soziologische Strukturanalyse, die Konnotation der Bildzeichen, die Assoziation. Auch die des Lesers. Denn wenn es um die Folgen der Dreieinigkeit Vatermutterkind geht, dann werden diese so provozierend angedeutet, dass daraus gedankliche Girlanden wachsen.

Joseph als lächerlicher Zahlvater, klar. Die Mutter-Kind-Dyade als Urform der Alleinerziehenden, Restbestand einer einstmals groß verzweigten Sippe, die auf Fortbestand (und Schutz!) der genealogischen Linie beharrte und deshalb, so Koschorke, kirchlicherseits ausgehebelt wurde. Jetzt sieht man es. Die Verinnerlichung der Familie zur Gefühlseinheit vermindert ihre Bedeutung als Fortpflanzungsmaschine und führt, natürlich, zur steuerlichen Anerkennung auch homosexueller Familien, die per Definition gar nicht auf Reproduktion angelegt sind. Die Unschuld der Madonna, die opferbereite Mutterliebe, findet sich wieder in der großäugigen Unwissenheit der Mama, die ihren Kleinen zwar des Nachmittags den Dreisatz erklären kann, sich aber nicht auszurechnen vermag, auf naive Weise gar nicht wissen will, was ihr nach der Erziehungsphase an Aufgaben und Rente verbleibt.

Es ist ein interessanter Tanz der Zeichen, über die Epochen hinweg. Ein unwirkliches Gefühl stellt sich dabei ein. Nicht nur, wie von kirchlicher Seite schon kritisiert wurde, weil Koschorke auseinander pflückt, was gerade die Kraft des Glaubens vereinigt. Sondern weil natürlich die Körper, ihre mehr oder weniger liebestollen oder innigen Vereinigungen und schmerzhaften Trennungen auch bei Koschorke unter dem Gewicht der Signifikanten verschwinden. Darf man sagen, so kann nur einer schreiben, der nicht die Erfahrung gemacht hat, wie aus einem Körper zwei werden und doch zusammengehören? Auch die Entwertung dieser Erfahrung spricht noch von der Macht, die vom Gesetz des vergötterten Vaters ausgeübt wird. Die Biologie ist eine der wenigen Wissenschaften, die bei Koschorke nicht vorkommt. Bei aller semiotischen Feinarbeit kommt so gar nicht in Betracht, an welch tiefe Schichten die verschiedenen kulturgeschichtlichen Gestalten von Mutter und Kind und Vater auch zu rühren vermögen.